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Müde Lemminge E-Mail

aboutpixel_de_macka_kaufrausch.jpgGelegentlich bietet das Menschenleben überraschend wenig an wohltuender Abwechslung und es stellt sich einem vielleicht zurecht die Frage, ob man nicht versehentlich in der Nacht vom  grüßenden Hollywood- Murmeltier gebissen wurde. Täglich der gleiche Trott, Handy läutet, morgendlicher Countdown bis zum Verlassen der Wohung. Zur Straßenbahn eilen, sich auf den Platz ganz vorn hinter dem Fahrer stellen und zum Fenster hinaus blicken. Nach zwei Stationen aussteigen, den Aufstieg zur U-Bahn wählen, einsteigen und weiterfahren. Das war es dann für eine Zeit lang und in ähnlicher Qualität geht es Minuten später weiter und weiter und weiter, bis man abends  totmüde ins Bett fällt und die Augen für wenige Stunden schließt. Und wieder beginnt das ganze von vorn.

Und als ich kürzlich an der U-Bahn stand und wartete, die "Sommerferien sind vorbei"-Massen an mir vorüberzogen, da musste ich an den Zug der Lemminge denken. So sehr pulsierte der Strom der Passanten an mir vorüber. Und ich muss zugeben, einige sahen besagten Lemmingen nicht unähnlich. Wenn ich mich bemühe und zur gleichen Zeit fahre, wiederholen sich die Gesichter, die ausgewählten Standorte, bis die U-Bahn eintrifft und selbst das Schlaf- oder Nichtschlafverhalten in der U-Bahn wiederholt sich.

Geringfügige Unterhaltung bot der große, ältere Mann. Er schläft sehr oft und wenn er nicht schläft, beobachtet er neuerdings junge Frauen. - Das ist wirklich neu, denn früher gab es in seinem Gesicht keinerlei Neugierde. Ach ja, die geringfügige Unterhaltung war seine heutige Kleidung Marke "Cowboy". Eine schwarze Lederhose mit heller Naht, ein dazupassendes Hemd und statt der üblichen Krawatte so eine Art Brosche, die an zwei Schnüren hochgezogen wird. Keine Ahnung wie sowas heißt. Wie schon erwähnt, es sah irgendwie lustig aus, beinahe ein bisschen wie Fasching. Und ich habe überhaupt keine Idee was der Mann arbeiten könnte. Ich sah ihn vor meinem geistigen Auge in der Lebensmittelproduktion, als Chef einer Produktlinie. Eines Tages werde ich ihn darauf ansprechen, es abklären und an dieser Stelle veröffentlichen.

Mittlerweile regnet es den zweiten Tag und ich hatte heute Morgen den Eindruck als wäre der Strom der Lemminge müder als sonst. Die gewohnte unterschwellige Hektik blieb aus und es nahm mir niemand den Platz in der U-Bahn weg, weil er schneller als ich war.

Heute saß zum zweiten Mal ein STANDARD, in weiblichen Händen, neben mir. Das darf man ruhig als kleines Wunder zählen, denn an und für sich befinden sich die Wiener Linien fest in den Händen von HEUTE und der unaussprechlichen Tageszeitung, die blasphemischer Weise nach unserem heiligen Vaterland benannt wurde. So zog ich meinen STANDARD aus der Tasche und machte ihn zaghaft mit dem anderen Exemplar bekannt. Sie hatten sich allerdings nicht viel zu sagen, denn der Eine wusste bereits, was der Andere dachte. Also blieben sie trotz meines Versuches absolut sprachlos und blickten sich nur treuherzig aber nicht minder hoffnungsvoll an. Die Hoffnung beruht ganz offensichtlich darauf, einander wieder zu begegnen und das in noch größerer Anzahl. Mal sehen ob es klappt.