header image
Home arrow Blog arrow Wie nah ist die Endlichkeit
Wie nah ist die Endlichkeit E-Mail

aboutpixel_de_stormpic_sauwetter.jpgBetrachtet man manche Mitlebenden, scheinen sie ausschließlich die Unendlichkeit in ihren Visionen, die Zukunft betreffend, eingeplant zu haben. Es ist ganz so als gäbe es für alle ein Morgen, ein Übermorgen, ein Überübermorgen und so weiter. Vermutlich stellen sie sich auch nie die Frage über die Endlichkeit, denn sie leben nicht im Heute sondern in der Zukunft und dort stellt sich für sie diese Frage nicht. Die Zukunft zimmere ich mir selbst und die prosperiert und lebt, auch wenn ich jetzt kürzer treten muss, in Zukunft ist alles anders. Da habe ich Geld und Gesundheit, es geht mir gut und viel besser als jetzt.

Wie nahe die Endlichkeit tatsächlich ist, die persönliche, eigene Endlichkeit, das weiß in der Regel kein Mensch, außer er ist schwer an Krebs erkrankt und selbst dann ist die Endlichkeit auf den Punkt genau auch nicht absehbar. Es können noch Monate oder wenigstens Wochen oder auch nur Tage sein. In der Rücksichtslosigkeit so mancher liegt die gepachtete Unendlichkeit, denn wüssten sie von einem Ende, fräße dieses Wissen die Rücksichtslosigkeit umgehen auf und selbige müssten augenblicklich in einem Wahn von Demut einhalten, nachdenken und vielleicht doch wesentlich milder sein. Oder auch nicht, denn wenn wir wissen, dass alles von verhältnismäßig kurzer Dauer ist, dann lässt es sich erst recht gut, egoistisch und rücksichtslos leben. Ob das Ableben dadurch ein befriedigteres sein wird, sollte spätestens am Totenbett erfragt werden. Vielleicht ist aber gerade das Ableben dieser Personen ein verhältnismäßig einsames und daher sollte es unmöglich sein ein Resultat zu hinterfragen.

Mein Freund besuchte heute seine Vorgesetzte im Krankenhaus. Sie ist schwer krebskrank, mit unzähligen Metastasen im ganzen Körper. Es war kein einfacher Besuch für ihn und es bedurfte einiger Gespräche, damit er sich sicher war, dass er auch tatsächlich diesen Besuch machen will. Er hatte Angst es nicht zu verkraften und sich vielleicht am Krankenbett nicht richtig zu verhalten. Seine Vorgesetzte hat ihn im Job immer sehr geschätzt und vielleicht sogar etwas protegiert. Heute liegt sie, wie bereits erwähnt, im Krankenhaus und ihre Endlichkeit ist eine sehr absehbare. Sie hat aufgehört zu trinken, zu essen und zu lachen. Sie kämpft zwar noch und spricht von einem Morgen und Übermorgen, als Zuhörer ist man sich allerdings nicht sicher, ob sie selbst noch daran zu glauben imstande ist. Aber sie kämpft und möchte keinesfalls aufgeben. Sie will unbedingt weiterleben, denn sie hängt an ihrem Leben. Sie ist erst 45 Jahre alt und voller Pläne.

Ich war heute im Rahmen meiner ehrenamtlichen Tätigkeit wieder im Hospiz und sah dort die Endlichkeit in all ihren Facetten. Im Andachtsraum als melodischer Schlussakkord, wunderschön gekleidet, filigran, wie aus Wachs. In den Zimmern mit all der Hoffnung, den Plänen und Erwartungen oder bereits resignierend und abwartend, vielleicht traurig, sprachlos, selbstaufgebend.

Selbst in den letzten Minuten des Lebens behält jedoch die jeweilige Persönlichkeit ihre Oberhand und bestimmt letztendlich die Takte, die Melodie und die Form der letzten Verbeugung, bevor der Vorhang für immer fällt. Dass er fällt ist vollkommen klar, aber wie wir in den Minuten davor, mit der uns verbleibenden Zeit umgehen, das verbleibt ganz bei uns.

Vorhang fällt.