Sie stehen beinahe täglich an den selben Stellen, steigen an der selben Haltestelle ein, sitzen nahezu am Platz wie gestern oder blicken mich genau so an, wie vorgestern oder am Freitag davor und steigen an der selben Haltestelle wieder aus. Die Rede ist von den zahlreichen Schattengestalten, die zwar beinahe täglich um mich herum aufgestellt sind, aber sonst kaum mit mir in Berühung kommen. Sie sind einfach nur vorhanden, wie die Wolken im Himmel oder unser aller Krokodil in ihrem Büro.
Gelegentlich löst sich eine der Schattengestalten aus ihrer Umgebung und ich komme mit ihr ins Gespräch. So wie heute, ist sie vollkommen überrascht angesprochen zu werden und versteht nicht sofort. Mir fiel nämlich auf, dass sie, kaum aus der U-Bahn ausgestiegen, sofort wieder einstieg um weiterzufahren. Das tat sie noch nie und es war wohl darauf zurückzuführen, dass sie zur Kenntnis nehmen musste, dass uns der Bus soeben vor der Nase davon fuhr.
Ich wartete 10 Minuten auf den nachfolgenden Bus und knapp vor meinem Ausstieg, stieg sie zu meiner Überraschung wieder ein. Sie nahm eine andere Route um erst wieder in meinem Bus zu landen. Natürlich musste ich sie darauf ansprechen, denn insgeheim jubilierte ich. SIEG, öffentliches taktieren am Morgen lohnt nicht, waren wohl meine Worte, die ich ihr in Gedanken entgegenschleuderte. Sie lächelte milde und meinte, das wäre nicht weiter schlimm, so konnte sie noch etwas besorgen. Sie fiel mir übrigens schon oft auf. Liebend gerne sitzt sie gegen die Fahrtrichtung mit Blick auf ALLE und frühstückt genüsslich, um 7.15 Uhr, eine Extrawurst-Semmel. Manchmal schläft sie auch und dabei sieht sie komisch aus und es hat den Anschein als würde sie jeden Moment ihre Brille verlieren. - Schattenmenschen gewinnen also gelegentlich an Profil.
Viele andere werden von mir gesehen und obwohl wir einander bereits seit Jahren in einer uhrwerksähnlichen Regelmäßigkeit begegnen, kennen wir einander nicht.
Zum Beispiel die unendlich große Frau, Marke Chefsekretärin, mit der Brille ganz vorne auf der Nase. Wenn sie die Gratis-Zeitung liest, spickt sie dabei über den Brillenrand und führt die Zeitung ganz nahe an ihr Gesicht um besser lesen zu können. Dabei bewegt sie den Kopf leicht rhythmisch hin und her und nach wenigen Stationen steigt sie wieder aus. Die Gratis-Zeitung im Schlepptau.
Der junge gepflegte Mann mit dem sorgfälltigen Kurzhaarschnitt, der niemals sitzt und kaum jemanden anblickt.
Oder der mittelalterliche Herr mit dem enormen Bauchumfang der immer am selben Platz sitzt und sehr oft schläft und wenn er das nicht tut, rasant auf seinem Kaugummi kaut und dabei die anderen Schattengestalten aufmerksam beobachtet.
Die Aufzählung ließe sich noch einige Seiten fortführen, viele Schattengestalten begleiten mich täglich und ziehen ihre vorhersehbare, vorgegebene Bahn. Sie steigen zur selben Zeit in der dritten Station zu um sich in der siebenten Station von uns zu lösen. Auf Wiedersehen, bis morgen!
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