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Verrückt oder doch noch da |
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Ab welchem Zeitpunkt ist man von seinen eigenen Standpunkten verrückt oder so weit einer allgemeinen, ganz gewöhnlichen Norm entfernt, dass man spontan von seinen Mitlebenden als "verrückt" bezeichnet werden möchte?
Ist der kleine Junge der täglich einige Stationen nach mir in die U-Bahn einsteigt und nahezu täglich angeregt Selbstgespräche führt, ist er ein wenig verrückt oder ist das bei Kindern gänzlich normal? Würde selbiges ein Erwachsener tun, gälte er auf alle Fälle für verrückt. Sind die vielen Pubertierenden mit den lauten I-Pods verrückt, die einen andauernd mit ihrem Gerassel schmerzhaft penetrieren?
Die Grenzen sind keinesfalls klar zu ziehen und es liegt nicht selten in den Augen des Betrachters, ob man als verrückt abgestempelt wird oder gerade noch einmal als nur ein wenig wunderlich durchgeht. Hat man den Kontakt zu sich selbst noch nicht verloren, ist man ohnehin in der Lage sich die Frage selbst zu beantworten. Ich für meinen Fall werde im Alter immer normaler, wenn ich jedoch mich dazu entschließe kurz mal verrückt zu sein, dann ist es um so auffälliger. Es gab bereits Freundeskreisteile, die sich spontan wegdrehten um keinesfalls mit mir in Zusammenhang gebracht zu werden. Tja, es scheint auch dies eine Form der Auslese zu sein und ich sollte mir gerade diese Freundschaften noch etwas näher ansehen und ruhig risikofreudiger auflegen, wenn sie wieder einmal anrufen um sich zu erkundigen wie es einem so gehe.
Heute ermunterte ich erstmal einen Busfahrer meiner Linie, ruhig mal pinkeln zu gehen. Zugegeben, er kam mir bereits entgegen als ich X-Stufen auf einmal von der U-Bahn hinunter auf die Straße rannte. Auch eine Art von Morgensport, "dem Bus nach zu rennen". Ich könnte darauf verzichten, mehrmals wöchentlich Kopf und Kragen zu riskieren wenn ich die Stiegen mit einem Karacho hinunter renne, dass dem Zeitungsverkäufer allein beim Anblick dessen, wie die Schwerkraft mit jeden versuchten Sprung auf mich einhämmert, schon schlecht wird. Nächstens lande ich auf ihm beziehungsweise auf einem Stapel Zeitung vor ihm. Er wird mich beschimpfen und nach mir treten wollen. Ich werde mich zu erkennen geben und ihm abverlangen, dass er mich ins Druckzentrum trägt. Denn dort arbeite ich. - Nicht als Drucker. Würden mich meine Kollegen so ankommen sehen, hätte ich wohl ein weiteres Mal den Stempel des Verrückten am Revers.
Ach, mein Neffe kaufte sich so genannte Springerstiefel. Offensichtlich fühlt er sich trotz Rauch noch immer zu wenig männlich. Man hätte ihm sagen sollen, dass die Mädchen, die auf Springerstiefelträger stehen, dass diese rar sind und wenn vorhanden, wenig wert sind gepflückt zu werden. Meine süße Schwester bemerkte, dass er mit den neuen Stiefeln hatscht wie eine Ente. Das lag dann nicht an seinen, soweit ich weiß, nicht vorhandenen Plattfüßen, sondern ausschließlich daran, dass er sich die Stiefel um drei Nummern zu groß kaufte, weil sie in seiner Größe nicht zu haben waren. Das nennt man zielstrebig. Sein konservativer Onkel meinte, es wäre sicherlich verrückt.
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