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Kein Empfang E-Mail

photocase_de_gernot1610_dy4zv9ry2.jpgMittlerweile gilt man als nicht telefonierender Mensch in den Wiener Linien als rare Spezie, denn die Mehrheit hält sich ein Telefon zum Ohr oder spricht mit einem Knopf eben dort. Dabei wird man argwöhnisch von den telefonierenden Mitfahrern beobachtet, als hätten sie davor Angst, man wolle ihnen ihr Gerät in der nächsten Station entreißen.

"Nein wir haben uns schon getrennt, wohnen aber noch zusammen. Ich wecke ihn sogar nach wie vor täglich auf. Ganz so als wären wir noch zusammen. Er bespricht auch alles mit mir. Heute hat er seine Wohnung unterschrieben. ... Naja, ausschließen würde ich es nicht. Kann durchaus sein, dass wir in der Distanz wieder zu einander finden. Ausschließen kann ich das überhaupt nicht. Schauen wir mal. Kann ich morgen den Schlussdienst für dich machen? Ich muss nämlich wo hin und du würdest mir sehr damit entgegen kommen."

"Hey Oida, na wie gehts? Hast du die Tussy zum Wochenende dann abgeschleppt? Wie war es? Echt?? Die hat das freiwillig gemacht? Na geh... das will ich auch. Borgst sie mir? Na geh Oida... sei nicht so. Die rennt dir eh wieder weg, dann kannst sie ruhig ein bissl teilen. Und wie war es sonst noch so? Echt? Cool! Das hast überhaupt nicht verdient. Ich zieh immer die Arschkarten und du kriegst immer die ur-geilen Rassenummern. Bist jetzt verliebt?"

Meist fällt mir der devote Blick zu Boden lästig, also starre ich die Leute in der U-Bahn an und versuche ihnen, so gut es geht, zuzuhören. Heute fiel es mir wieder besonders lästig. Ich hätte meinen I-Pod mitnehmen sollen. Etwas Klassik im Ohr ist allemal besser als diese ganzen tausendfach abgebratenen Geschichten. Die tausendste Trennung, das tausendste Date, die tausendste Einkaufsliste, das tausendste Mal zu hören, das wir uns in der U-Bahn befänden, gleich da sind, und so weiter.

Unlängst bekam ich von einem Freund für die U-Bahn einen Senderunterbrecher geschenkt. Ich müsste ihn unter meinem Hut auf dem Kopf tragen, er soll so hoch wie nur möglich platziert sein. Dann sollte ich ihn einstellen und mit einem Klick sind sämtliche Telefonate im Umkreis von 300 Metern unterbrochen. Da ich mir über die negativen Auswirkungen des Senderunterbrechers nicht im klaren war, schließlich wollte ich mein Hirn keineswegs braten, weigerte ich mich bis jetzt diesen einzusetzen. Bis heute. Morgen werde ich erstmals mit Hut in die Arbeit fahren und sämtliche Telefonate im Keim ersticken. Und nachdem die Menschheit unbedingt telefonieren muss. Werde ich ohne Mitfahrer in der U-Bahn sitzen und mich an der Ruhe und dem massiven Platzangebot erfreuen. So schön kann eine Fahrt mit den Wiener Linien sein.

Wieso fährt der Zug nicht weiter? Wo ist der Fahrer? Oh, Müll...  er steht am Treppenaufgang und telefoniert. - Hatte wohl keinen Empfang der Bedauerliche.