Es gibt Tage an denen einem mit einem Mal Dinge auffallen die mit Sicherheit schon länger da waren, aber zuvor nicht bewusst wahrgenommen wurden. Und sind sie dann einmal wissentlich abgespeichert, liegen sie unumstößlich im persönlichen Blickwinkel und sind von dort nicht mehr wegzubringen.
Die Kotteletten meines Chefs. Waren die schon immer da oder sind sie neu? Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, ich weiß nur mit Bestimmtheit, dass mein Boss davor keine hatte. Es war nämlich eine Frau. Aber dieser? Oder die Haarfarbe der Kassentante in der Kantine. War sie schon immer so rabenschwarz oder, ich bilde mir fix ein, ihre Haare waren elegant dunkelrot. Ach, was weiß ich.
Heute ließ ich mich von unserem Grafiker fotografieren. Das Foto sollte der EU-Norm entsprechen, also von vorne, ohne Lachen und die Haare tunlichst nicht im Gesicht. Mit letzterem hatte ich keine Probleme, die einzigen Haare im Gesicht resultieren aus meinem Fünftagebart, der mich wieder einmal älter aussehen lässt, als ich vermutlich bin. Mich von vorne fotografieren zu lassen widerstrebt mir absolut. Würde mich die EU-Norm nicht dazu zwingen, gäbe es wie immer meine "Schokoladenseite", also ein Foto leicht seitwärts angeschnitten, damit man den Horizont nach dem Gesicht noch sieht. Aber das ging heute nicht, denn verlangt war ein Bild in EU-Norm.
Als ich das Foto von meinem Fotografen-Grafiker auf den Desktop bekam war ich erstaunt. Ich sah aus wie ein gestresstes Ferkel vor der Schlachtung. Mein Gesicht war wahnsinnig rosarot, der Hals normalfarbig und meine Ohren waren fort. Letzteres ist lediglich meinem Übergewicht zuzuschreiben, denn meine extrem eng anliegenden Ohren neigen immer dazu zu verschwinden, sobald ich eine bestimmte Gewichtsmarke überschritten habe. Spätestens dann ist mir klar, dass akuter Handlungsbedarf besteht. Dass es schon wieder so weit war, ist mir bis zu dieser Fotografie natürlich nicht aufgefallen. Die Farbe des Gesichtes, versicherte mir zumindest mein Fotograf, resultiere eindeutig aus einer verfälschten Bildschirmdarstellung und sei in Wirklichkeit eine wunderschöne Hautfarbe, wie sie eben zu einem Gesicht wie meines gehöre. Er versicherte mir weiters, dass ich, wenn ich das Foto weiterschicke, in Hinkunft keinesfalls als rosarotes Ferkel von diversen Ausweisen grüße.
Es liegt vollkommen auf der Hand im Spätherbst Reserven zu bilden, um physisch in der Lage zu sein, dem kommenden Winter gebührend Paroli zu bieten. Und so wie im Spätherbst die Blumen nach und nach aus den Gärten verschwinden, um im Frühjahr wieder in voller Blüte zustehen, so ähnlich verhält es sich Jahr für Jahr mit meinen Ohren.
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