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Seit gut 20 Minuten stehe ich an der Theke des kleinen Ladens und warte darauf, dass ich endlich bedient werde. Niemand ist hier, keine Kunden, niemand der meine Bestellungen entgegen nehmen möchte, kein Futzelchen von Personal. Dabei wurde mir dieser Laden so sehr empfohlen und nun ist niemand hier. Enttäuschung macht sich in mir breit.
Wenn du wieder einmal ein Wunder brauchst, dann fährst du mit der Linie Silberblau bis zur Endstelle. Du steigst aus, bleibst stehen, orientierst dich kurz und dann nimmst du folgenden Kurs, zweimal links, einmal rechts, kurz die schmale Gasse entlang um nach circa 200 Metern wieder rechts abzubiegen. Dann stehst du unmittelbar vor dem Laden von dem ich dir bereits mehrmal erzählt habe. Ich nicke während ich mir die Angaben fein säuberlich notiere, wir zahlen unseren Tee und ich marschiere zielgerichtet zur Linie Silberblau.
Mit ihr fahre ich bis zur Endstelle. Steige aus, warte kurz und sammle mich, gehe zweimal links, einmal rechts, befinde mich in der beschriebenen schmalen Gasse, gehe diese in meinem Stechschritt entlang um nach circa 200 Metern noch einmal rechts abzubiegen. "Wunderladen" steht hier mit großen gelben Lettern auf blauem Hintergrund geschrieben. Das ist er, denke ich mir, betrete bedächtig den Laden und nun stehe ich bereits gute 20 Minuten hier und niemand kommt.
Vielleicht sind die Wunder ja aus. Wer weiß, es wird schon seinen Grund haben, dass ich hier stehe und keine Bedienung finde. So wie eben alles seinen Sinn hat.
Plötzlich sehe ich einen mittelgroßen Vogel in seinem Käfig, er hat einen orangen Schnabel und ist wohl ein Beo. Mich wundert es, dass er so still ist, sie sind normalerweise richtig fidele Krachmacher und können auch sprechen, so sie trainiert sind. In Tarvis sah ich vor tausend Jahren einen in einem Café, der sang die italienische kommunistische Hymne: "Bandiera rossa". "Avanti o popolo, alla riscossa, Bandiera rossa, Bandiera rossa ..."
Dieser Beo ist jedoch mucksmäuschen still und beobachtet die Szene.
"Na du, wo sind denn alle?"
Der Beo blickt mich an, blinzelt einige Male und krächzt: "Die Wunder sind heute aus. Die Wunder sind heute aus. Die Wunder ..."
"Ja, ja, ich dachte es mir ohnehin. Es war offensichtlich, dass es keine Wunder mehr gibt, sonst wäre ja jemand hier. Gut, dann komme ich morgen wieder."
Ich suchte mir im Laden einen Stift und ein Stück Papier und vermerkte fein säuberlich darauf:
KOMME MORGEN GEGEN 11 UHR WIEDER UM DAS WUNDER ZU KAUFEN, DAS ICH EIGENTLICH HEUTE SCHON WOLLTE. RUFEN SIE MICH BITTE HEUTE NOCH AN, FALLS ICH AUCH MORGEN UMSONST KOMMEN SOLLTE. MEINE TELEFON-NUMMER LAUTET ....... ICH ZAHLE BAR.
Dann lege ich den Zettel auf den Ladentisch und beschwere ihn mit dem Stift.
"Bis morgen Herr Beo!" vergnügt blicke ich zum schwarzen Vogel, nicke ihm zu, verlasse den alten Laden und höre den Beo nochmals laut rufen:
"Die Wunder sind heute aus. Die Wunder sind heute aus ....."
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