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Die Raben II E-Mail
photocase_de_bommeloni_krhe.jpgNiemand wusste was es mit den Raben auf sich hatte. Plötzlich waren sie im Ort und schienen die gesamte Szenerie argwöhnisch zu beobachten. Manchen fiel George Orwell ein und sie meinten die Raben wären von "oben" gesteuert und dienten ausschließlich der Beobachtung. Künstlich erzeugte Vögel, die alles beobachten und jedes Fehlverhalten melden.
Dem konnte ich nicht zustimmen. Dazu waren die Raben zu echt, zu natürlich. Sie machten was alle Vögel ihrer Gattung machen. Schwätzen, fressen, fliegen und sie sind in gewisser Weise scheu, wie alle anderen Vögel auch. Diese Raben unterschieden sich zu den "normalen" Raben nur in einem Ding, sie lauerten einem auf und machten Angst. Als ich eines Tages spät nach Hause kam und die Haustüre aufschließen wollte, da hörte ich hinter mir ein leises Krächzen, ich dreht mich um und sah einen dieser riesigen Vögel hinter mir sitzen. Er blickte mich an und es schien so als würde er mich angrinsen und wissen wollen wo ich denn war. Gleichzeitig hatten seine Augen diesen bestimmten bösen Blick, über den die letzten Tage schon im Dorf gesprochen wurde. Diese Vögel schauen einen böse an hieß es immer. Dieser Rabe sah mich jetzt böse an und ich stellte mir die Frage, was er wohl von mir wolle. Ich ging ins Haus und kümmerte micht nicht mehr um ihn.

Am nächsten Tag kam es zu zahlreichen mysteriösen Vorfällen. Einige der Raben ließen sich im Sturzflug in die Windschutzscheiben von vorbeifahrenden Autos fallen. Mit den Schnäbeln voraus landeten sie im Inneren des Wagens und wenn sie sich vom Aufprall nicht das Genick brachen, dann flatterten sie blutend wie wild im Auto herum bis es entweder zu einem Unfall kam oder sie vor Entkräftung auf Grund ihrer Verletzungen eingingen. Auf diese Art verursachten sie an diesem Tag 22 Unfälle mit 4 Toten, 6 Schwerverletzten und 3 Leichtverletzten. Am Abend war der Spuk vorüber. Aufdringlich beobachteten die übrigen Raben die Bewohner des Dorfes und kein Mensch wusste was sie wollten.

Am nächsten Tag waren es nicht Autos sondern die Fenster der Häuser, in die die Raben wie Geschosse eindrangen und ruinierten was zu ruinieren war. Sie entzündeten sich an offenen Flammen und fackelten ganze Häuserzeilen von innen ab. Der Bürgermeister ließ einen sofortigen Erlass verlautbaren, worauf jede offene Flamme in den Häusern sofort zu löschen sei. Der Sachschaden blieb dennoch enorm, denn mit ihren harten Schnäbeln hackten sie in den Häusern alles klein was klein zu hacken war. Jedes Glas, Porzellan, technische Geräte, selbst die Haustiere wurden nicht verschont und im Rudel zerhackt und angefressen. Der Schaden war wieder enorm.

In einer Besprechung der Bürgerwehr nahm man sich vor, die Tiere am nächsten Tag rigoros abzuknallen. Sie dürften keinesfalls die Möglichkeit bekommen noch mehr Schaden anzurichten. Der Veterinär aus der Nachbarstadt war der Ansicht, dass die Raben möglicherweise an einer rätselhaften Viruserkrankung leiden, nur so sei das kaum artgerechte Verhalten zu erklären und er stimmte dem Abschuss der Tiere bedingungslos zu.

Als sich die bewaffneten Bürger am nächsten Morgen am Hauptplatz des Ortes trafen war es gespenstisch ruhig. Kein einziger der Raben war zu sehen und mit ihnen fehlte auch jeder andere Vogel. Man stand vor einem Rätsel, ein Rätsel, das auch 62 Jahre danach noch keine schlüssige Erklärung fand. Wo waren die unzähligen Raben geblieben?