999 Christstollen liegen derzeit in meinem Büro auf dem Besprechungstisch und harren einer würdigen Zukunft. Es duftet wie in einem Knusperhaus und ich befürchte, allein durch den aufdringlichen Duft von Süßem, vorübergehend Diabetiker zu werden.
999 Christstollen, die müssen erst einmal gegessen werden. 999 Spenderfirmen die sich für ein prosperierendes Geschäftsjahr just zu Weihnachten bedanken möchten und deren Geschenksideen kreativ, überbordend sind. Alles wiederholt sich und das immer wieder, aber die Christstollen werden mehr. Waren es früher schnöde Dankeskarten und Billignippes, verspricht die gute Konjunktur fette Stollen aus echter Butter mit Marzipan, kandierten Früchten und Rum und das in Masse.
Ob die edlen Spender je bedacht haben, dass ich, sollten alle 999 Stollen von mir gegessen werden, aufgehe wie ein Germknödel und allein durch die dadurch produzierte Gase abhebe, bedingungslos in die Stratosphäre getrieben werde um mich dort, einem Gasluftballon gleich, im Angesicht der sich ändernden Luftbedingungen, unbeschreiblich vergrößere, bis ich letztendlich mit einem letzten Aufschrei platze. Es ist der Tag, an dem es gegessenen Christstollen schneit und niemand weiß warum das so ist. Vermutlich nur eine lecke Flugzeugtoilette.
Nachdem ich klug bin, packe ich 998 Christstollen in eine riesige Kiste und verschiffe diese via Caritas in ein Dritte Welt Land. Nachdem diese dort wiederum unbekannt sind, wird das übergebene Gut anfangs neugierig betastet, bedrückt, gekostet ... und wieder ausgespuckt, denn die Stollen sind ja noch kalt und müssen erst zubereitet werden. Somit landet ein Stollen nach dem anderen in einer riesigen Pfanne, um gemeinsam mit frischem Gemüse und allerlei Soßen gekocht zu werden. Und jeder dort denkt sich vermutlich, es schmeckt nicht aufregend, aber es macht wenigstens satt und ... merkwürdige Geschmäcker haben diese Europäer.
Für nächste Weihnachten habe ich mir fix vorgenommen, nur den besagten einen Stollen in Empfang zu nehmen und bei den restlichen 998 Christstollen um Umtausch zu ersuchen. Ach, natürlich mit der freundlichen Bedingung, von essbaren Dingen abzusehen. Ich möchte keinesfalls in der Stratosphäre schwebend, zerplatzen.
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