header image
Home arrow Blog arrow Große stille Stadt
Große stille Stadt E-Mail

photocase_de_crocodile_xrrnp7mq2.jpgNirgendwo ist die Stadt so bemerkenswert still wie dort. Über 3 Millionen Menschen sind um dich versammelt und trotzdem ist es außergewöhnlich ruhig. Kein Husten, kein Räuspern, kein Stimmengewirr, äußerste Disziplin bis hinüber zur hohen Mauer, über die ein bisschen Straße zu vernehmen ist.

Disziplinierte Menschen, weil tote Menschen, manche sind es bereits seit mindestens 200 Jahren oder gar noch länger, andere erst wenige Tage. Die Rede ist von einem der größten Friedhöfe Europas, dem Wiener Zentralfriedhof. Hier gibt es sogar eine eigene Buslinie für Lebende, die ausschließlich im Friedhof verkehrt. Es gibt auch Getier wie Rehe, Hamster, Igel und vieles mehr, vom kleinen Gewurm ganz zu schweigen.

Typisch Großstadt, lässt es sich sogar hier anonym ruhen, mit der endgültigen Hoffnung auf Vergänglichkeit. Angeraten ist, um dies zu erwirken, nichts zu bezahlen und sich ein "Armenbegräbnis" oder heutiger ausgedrückt, ein "Sozialbegräbnis" von der Stadt Wien schenken zu lassen. Dann kommt man in einem städtischen Wiesenacker am Zentralfriedhof unter und am Kopfende oder jenem Ende, das die Totengräber bei mehr oder weniger nüchterner Betrachtung für dieses halten, wird eine kleine Tafel mit dem Namen des Verstorbenen in die feuchte Erde geschlagen. Dort liegt man kenntlich bis das Stück Holz mit dem Namen vom Wetter zernagt ist und das Wetter einen letztendlich unkenntlich macht. Viele Jahre später kommt am selben Acker eine neue Tranche einsamer Sozialbegräbnisse.

Selbiges gibt es auch für Kinder. Kinder die in den Krankenhäusern so früh verstorben sind, dass sie nicht einmal einen Namen bekommen haben. Dann steht auf den Kreuzen jeweils nur Mädchen XX oder Knabe XX. XX steht für den Familiennamen. Manche Eltern besuchen später ihr Kind am Zentralfriedhof und schmücken das kleine Grab. Das geht so lange bis es wieder neu "bewirtschaftet" wird. Denn wenn man nichts zahlt, hat man auch kein Recht, nicht mal an der Pforte zwischen Leben und Tod. Am Ende des Kinderackers steht zum Andenken an die jungen Seelen ein hoher, grauer Stein, er sieht aus wie ein Hinkelstein den Obelix hier vergessen haben könnte. Und um den hohen, grauen Stein gibt es mitunter Nachrichten von den Müttern und Vätern an ihr verstorbenes Kind. So eine Nachricht las ich vor ein, zwei Jahren und hatte am Ende dicke Tränen in den Augen. Die ganze Trauer der Mutter war plötzlich in mir und machte sich breit. Wahre Mutterliebe die unerfüllt blieb und deren Worte hier vor mir auf der Erde lagen.