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Es kam ganz plötzlich E-Mail

aboutpixel_de_captnkirk_gipfelblick.jpgAm Abend als ich von der Arbeit zu Fuß nach Hause ging, um den rasanten Arbeitstag so gut wie möglich hinter mir zu lassen, rief mich mein Vater an und teilte mir unter einer hörbaren Wahnsinnslast mit, dass etwas Schreckliches passiert sei und, dass ich jetzt besonders stark sein müsse.

Es kam mir tagsüber schon merkwürdig vor, die halbe Familie versuchte mich zu erreichen. Sie konnte mich jedoch nicht erreichen, ich hatte einen selten wahnwitzigen Tag und kam erst am Abend dazu, besagtes Telefonat meines Vaters endlich entgegenzunehmen.

Ungeduldig forderte ich ihn auf, mir endlich zu sagen was los sei. Wenn er so begann, wie in diesem Telefonat, dann wusste ich, dass etwas schreckliches passiert sein musste.

Halb umständlich erklärt er mir, dass meine Schwester Elisabeth heute Morgen verstorben sei. Von einer Minute auf die andere, vermutlich an einer Lungenembolie. Es traf mich wie ein dröhnender Hammerschlag und ich musste das Telefonat mit meinem Vater abbrechen und versprach ihm, mich später noch einmal zu melden, aber ich müsse mich jetzt erst wiederfinden. Ich rief einen meiner engsten Freunde an und bat, dass ich kurz vorbeikommen könne. In seiner Wohnung angekommen, bat ich ihn mich jetzt ganz fest zu halten und konnte nichts anderes  tun, als Minuten lang zu weinen und die Flashes in meinem Hirn zuzulassen. Bilder aus der fernen und näheren Vergangenheit, Erlebnisse, Begegnungen mit meiner Schwester lösten sich in Sekundenschnelle ab, tauchten auf und verschwanden wieder.

Warum gerade sie? Ich kenne niemanden in meiner Familie der so sehr bewusst sein Leben lebte wie sie. Sie ernährte sich überlegt und gesund, betrieb regelmäßig Sport und dann das, ein Minutentod mit 48. Ich packe es einfach nicht. Es kam für alle überraschend und die Ohnmacht war einfach riesengroß. Ein kollektives fehlen der Worte. Ein kollektives Unverständnis gegen den da oben, wie konnte er sowas nur zulassen. Zurück bleiben ein Mann und drei Kinder, das jüngste gerade mal 16 Jahre jung.

Am Tag zuvor gab es noch mit der Schwiegerfamilie den obligaten jährlichen Familienwandertag. Ein ganzer Tag in unbeschwertem Zusammensein. Es war die letzte Wanderung, das letzte familiäre Zusammentreffen. Und sie sagen es hätte ihr so wahnsinnig gut gefallen und sie hätte alle Eindrücke so sehr bewusst in sich aufgesogen, als wären es ihre letzten Stunden, als hätte sie etwas geahnt.

Wir bereiteten ein wunderschönes Begräbnis, um Elisabeth noch einmal richtig hochleben zu lassen und um ihr zu bedeuten wie sehr wir sie lieben und vermissen. Es schmerzt entsetzlich. Wir meinten noch zum Pfarrer, dass wir keine Sprecherrollen übernehmen werden können, wir werden es nicht schaffen. Mein Vater holte 100 Sonnenblumen vom Feld um die Aufbahrungshalle und die Kirche damit zu dekorieren. Sie liebte Sonnenblumen über alles und der halbe Garten ihres Hauses war voll damit. Es soll später auch keine Erde auf den Sarg fallen, sondern unzählige Sonnenblumen sollen den Sarg von Elisabeth bedecken, es soll einfach wunderschön aussehen und jeder soll sich persönlich mit einer Sonnenblume vor dem offenen Grab von ihr verabschieden. Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt und unzählige Menschen fanden keine Sitzgelegenheit mehr. Elisabeth starb jung und war im Ort äußerst beliebt, das lässt in der Trauer zusammenhalten.

Noch bedeckt eine trauernde Ohnmacht unsere Familie, aber am Horizont, ganz weit draußen, da sehen wir ein wunderschönes Licht, das ist Elisabeth und wir hoffen, dass es ihr dort gut geht. Mach dir keine Sorgen um uns, wir schaffen das schon und werden dich nie vergessen und dich immer in unseren Gedanken und unserer Mitte wissen.


(Elisabeth war die Schwester eines meiner engsten Freunde und ich hatte das Privileg, ihn vor einigen Tagen in seinem größten Schmerz Anlaufstelle und Trost zu sein.)