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Doppelleben E-Mail

photocase_de___ondrasch__832396542.jpgKein Mensch hat es erkannt und ich habe es selten verraten. Ich führte in den vergangenen 5 Monaten ein verstecktes, aufregendes Doppelleben. Auf der einen Welt ein einfacher Bürger eines Staates, arbeitsam, von kreativ bis bieder. Auf der anderen war ich ein Stammesführer von großem Format, mit einer Mann- und Frauenschaft von über 270 Personen. Wir waren edel, wohlhabend, kämpferisch, kommunikativ und durchtrieben.

Die weitaus aufregendere Seite war die drüben. Dort nannte man mich "Golden Wing" ich war mit meinen am Ende 70 Dörfern ein wohlbestallter Edelmann und Führer. Der rege Dorfausbau begann mit dem Ursprungsdorf Hollywood, steigerte sich über ein zweites namens Bollywood, bis zu Filmfirmen wie Universal, Trimark, und vielen mehr. Dank Internet war es keinesfalls unmöglich 70 Namen zu finden, die in der Filmwelt fest verankert waren.

Anfangs hielt sich der Zeitaufwand in angenehmen Grenzen, denn 20 Minuten da und vielleicht nochmals 10 Minuten am Ende des Tages, die waren leicht abgezwackt. Der Zeitaufwand wuchs mit dem Dorfbestand und mit der Mitgliederanzahl des Stammes "Der Goldenen Ritter" - SGR. Am Ende waren es an die 180 Minuten in der Früh und lockere 200 Minuten am Abend und der Zeitaufwand wuchs weiter. Die Goldenen Ritter wurden zu Zeitfressern des Real Life. Und als ich bemerken musste, dass ich selbst beim schönsten Wetter die Geisel meiner neuen virtuellen Welt war, Frischluft oder Bewegung zur Mangelware wurden, da war es längst zu spät und ich klebte fest. Selbstreflektierende Maßnahmen packten mich am nicht vorhandenen Schopf und zogen mich Stück für Stück wieder heraus.

Ich plante meinen Ausstieg mit Pauken und Trompeten, ließ von einem Vasallen der die Führerschaft roch einen Nachfolgestamm gründen, bereitete meine Stammesmitglieder auf den nahen Abgang ihres Stammesführer vor und beschwor sie auch weiterhin lustvoll dem Spiele zu frönen. Gleichzeitig siedelte ich die Truppen aller meiner Dörfer in das Ursprungsdorf, um diese für meine ehemaligen Stammesmitglieder zur Übernahme frei zu schaffen, denn der Wertebestand soll auch nach mir erhalten bleiben, freilich ohne meinem Geist. Am letzten Tag löste ich mit einen Klick den Stamm auf, der über viele Monate zahlreiche, vor allem junge Herzen erfreute.

Willkommen im Real Life.

Im August traf ich einen jungen Mann der sich in der Kunst des Kartenlegens verstand. Damals meinte er zu mir im Verlauf der Sitzung "Du lebst in einer Scheinwelt, in einer nicht vorhandenen Welt, das wird sich im Herbst ändern, da kommst du wieder zurück." Als ich den Stamm und meinen Account bei "Die Staemme.de" löschte, fiel mir dieser Satz wieder ein und mit einem mal wusste ich wovon er sprach, denn im August war es mir ganz und gar unklar, was es mit dieser "Scheinwelt" auf sich hatte.