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Am Sonntag war sie noch da |
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Letzten Sonntag kam ich hin, sie schlief die halbe Zeit. Als sie endlich wach war, stand ich an ihrem Bett und sprach sie an, setzte mich zu ihr und wir sprachen ein gutes Weilchen. Sie hatte Lust auf Kompott, ich besorgte es in der Hospiz-Küche und kam mit einer Konserve retour. Mehr Frische war leider nicht vorhanden, schließlich war es Sonntag.
Es wurden nur ein paar Häppchen, denn Essen verträgt sie überhaupt nicht. "Wissen Sie Herr Peter, mir wird andauernd schlecht. Das ist vom Krebs. Die Bauchspeicheldrüse, wissen Sie." Ich konnte es mir einigermaßen vorstellen, aber tatsächlich wissen konnte ich es nicht.
Sie hatte das Bedürfnis nach Nähe und wir gaben einander die Hand und ließen die Energie fließen. "Wissen Sie Herr Peter, meine Schwester meint es wird schon wieder und ich soll nicht aufgeben. Aber wenn Sie mich fragen, ich glaube nicht, dass es noch einmal wird. Was meinen Sie?"
Ich konnte nicht viel dazu meinen, natürlich war ich der Meinung es wird nicht mehr. Hospiz ist nahezu immer Endstation. Hier kommt man her und statistisch wird in 18 Tagen gestorben. Mehr ist hier nicht. In der Zwischenzeit bis zum Sterben wird man gut versorgt und umhegt, oft besucht und soweit es geht ein wenig verwöhnt. Alltag im Hospiz.
Sie war kurzatmig und meinte eine Sauerstofftherapie würde ihr nützlich sein. "Glauben Sie Herr Peter ich würde das hier bekommen?" Natürlich gibt es hier die Möglichkeit dazu und man wird morgen weitersehen. Wer mehr Luft braucht, bekommt sie.
Wir sprachen über ihre Welt, ihr Leben, ihre Familie, ihren ehemaligen Beruf, sie war Friseurin. Sie liebte ihre Arbeit und bis zum 73. Lebensjahr war sie mitten drinn. Zwei Jahre später war sie nun atemloser Gast im Hospiz. Es folgte ein schönes, intensives und durchaus vertrautes Gespräch voll unbekannter Liebe.
Heute, 4 Tage später, komme ich wieder ins Hospiz und möchte sie besuchen. Betroffenheit. Sie starb gegen 6 Uhr morgens, knappe 10 Stunden nach meinem letzten Besuch. So bleibe ich mit der Gewissheit zurück, mit ihr wohl das letzte intensive Gespräch gelebt zu haben. Es wird dadurch noch gewichtiger.
Herzlichen Dank und leben Sie wohl!
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