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Grüß dich Gerti |
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"Ja grüß dich Gerti, fein, dass ich dich wieder einmal sehe. Du bist mir gesprächstechnisch ja so abgegangen. Wie geht es dir denn? Ich schwimme nur noch ein paar Runden und dann komme ich zu dir und wir tratschen ein wenig. Mein Gott, wie ich mich freue. Geht`s dir eh gut?"
Wir befinden uns bei bescheidenem Sommerwetter im Freibad Edlach. Die Gerti grüßende rothaarige Dame, mit riesiger Brille, zieht bei ordentlicher Wasserverdrängung zügig ihre Runden um ihr Gespräch so bald wie möglich fortführen zu können. Besagte Gerti sitzt in ihrem Dirndl im Schatten, auf einem Stuhl im Gras, und widmet sich ihrer Handarbeit. Sie stickt. Ich würde Gerti auf ungefähr fünfundsiebzig bis achtzig Jahre schätzen, eher noch an die achtzig angelehnt.
Gerti wirkt etwas verinnerlicht und dennoch dem Gespräch nicht abgeneigt. Es ist für den Beobachter nicht auszumachen ob es ihr in der Vergangenheit ebenso erging, dass sie die rothaarige Dame, mit riesiger Brille, gesprächstechnisch vermisste.
"Weißt Du Gerti, ich habe in den letzten Monaten so viel erlebt, das kannst Du dir nicht vorstellen, was sich alles getan hat." Die rothaarige Dame, mit riesiger Brille, lässt sich neben Gerti im Gras wie der real gewordene Inhalt eines echten Rubens nieder. "Leider ist mein Karli vor zwei Monaten gestorben. Er wollte nichts mehr essen und wurde immer schwächer und eines morgens war er tot. An und für sich war es ein schöner Tot, denn er hatte keine Schmerzen. So einen Tot würde ich mir auch einmal wünschen."
Ich kombiniere, Karli ist ihr Mann und erleide mit meiner Annahme Schiffbruch.
"Was macht man in der Stadt mit einem toten Kater? Ich hatte keine Ahnung. Hier am Land gräbt man ums Haus herum ein Loch und beerdigt ihn." Gerti nickt und mimt Aufmerksamkeit.
"Ich habe Karli letztendlich kremieren lassen. Jetzt habe ich ihn zuhause in einer Urne neben meinem Bett stehen. Ganz so wie früher, nur mit dem Unterschied, dass er mir früher immer ins Bett gekommen ist. Das kann er jetzt nicht mehr. Dafür habe ich auch weniger Haare im Bett und stell dir vor, mein Asthma ist seitdem auch viel besser." Gerti nickt und stickt weiter.
"Wir gehen morgen ins Theater nach Reichenau, warst Du heuer auch schon dort?"
Gerti hört zu sticken auf, blickt die rothaarige Dame, mit der riesigen Brille, an und schüttelt den Kopf ohne ein Wort zu sagen.
"Ja, ich bin auch deiner Meinung, dass man nicht jedes Jahr hin muss, nur weil alle anderen glauben, dass es schick ist. Man kann ruhig auch einmal ein Jahr pausieren. Recht hast Du, Gerti."
Gerti blickt auf, fühlt sich verstanden, ein Anflug eines Lächelns spiegelt über ihr Gesicht und sie stickt weiter.
"Hast Du gehört, dass Reichenau überlegt eines der Bäder zu schließen? Also wir müssen uns unbedingt dafür stark machen, dass Edlach bestehen bleibt. Es ist ja das schönere Bad von den beiden. Was meinst Du Gerti?"
Gerti nickt, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken und ohne sie zu unterbrechen.
Die rothaarige Dame, mit der riesigen Brille, erhebt sich langsam und setzt im Aufstehen zum Epilog an.
"Jetzt muss ich unbedingt noch ein paar Runden schwimmen. Gerti, fein, dass wir uns wieder einmal gesehen haben. Gesprächstechnisch bist Du mir ja so abgegangen. Vielleicht sehen wir uns ja morgen wieder. Alles Liebe, ich wünsche dir noch einen wundervollen Tag."
Gerti blickt kurz auf, lächelt und nickt, senkt den Blick erneut und stickt weiter, in dem sie der rothaarigen Dame, mit der riesigen Brille, noch ein halbgemurmeltes "Grüß dich Gott!" entbietet.
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