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Und dann fiel mir ein, dass ich meiner Gesprächspartnerin so absolut nichts über mich erzählt habe. Dabei standen, besser gesagt, saßen wir bereits über einige Stunden im Gespräch. Aber wie es ältere Damen so an sich haben, lassen sie dich nicht zu Wort kommen und erzählen eine Episode aus ihrem Leben nach der anderen.
Meine Versuche wo einzuhaken gebe ich sehr bald auf und ertappe mich dabei immer wieder mit meinen Gedanken abzuschweifen und damit es mein Gegenüber nicht merkt in regelmäßigen Abständen zu nicken und verbindlich zu lächeln. Gelegentlich entschlüft mir dabei ein "mh" und ich nicke wieder. Sie musste also die Gewissheit haben, dass ich ihr sehr genau zuhöre. Peinlich war es allerdings als sie mich plötzlich mit aufgerissenen Augen ansah und mir dabei eine Frage stellte.
"Halte ich Sie etwa auf?"
Ach nein, ich bin noch länger hier und fahren Sie ruhig fort, entschlüpft es mir beinahe automatisch und ich setze nach, dass das was sie mir erzählt auch absolut interessant sei. Und das war ja auch keineswegs gelogen. Eine rege ältere Dame um die 75, intelligent, gesundheitlich etwas bedient, geistig äußerst rege. Sie fährt also ihren Sprachautomat wieder hoch und berieselt mich weiter. Gnadenlos hätte ich beinahe hinzugefügt, aber so ganz ohne Gnade war es nie, denn sie notierte jeden meiner Blicke, jede meiner Bewegungen und hätte mich auch auf der Stelle frei gegeben, wenn es hätte sein sollen. Damit hob sie sich auch von vielen anderen ab, die erzählen und erzählen und erzählen und es nicht merken, dass man so gut wie fort ist. Diese aber hatte ihre Detektoren über meinen Körper verstreut und konnte daher genau sagen wie es um meine Aufmerksamkeit stand.
"Sie werden sich sicherlich fragen, warum Ihnen so eine alte Schachtel überhaupt Tipps fürs Leben geben muss, wo sie doch längst am Abstellgleis ist." sie sieht mich an, blitzt mit ihren wachen Augen und lächelt. Es klingt nach einer rhetorischen Falle, denn sage ich JA und sie sei in der Tat eine alte Schachtel, ist das Gespräch im Nu erstickt, verneine ich ihre Ansicht, fordere ich es heraus mir weiterhin mit Rat und Tag zur Seite zu stehen, ob ich es will oder nicht. Ich mache eine kurze Gesprächspause:
"Hm ..." und dann fällt mir ein, dass ich auf meine selige Omi verweisen konnte und meinem, beinahe einem Fetisch entsprechenden Hang älteren Herrschaften im Gespräch zu lauschen. Das tat ich dann auch und ein wohlwollendes Lächeln umschmeichelte ihr zerknittertes Gesicht.
"Gut, dann kann ich ja fortfahren. Wo waren wir stehen geblieben? Habe ich Ihnen schon erzählt ..."
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