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Gegen alles wird heutzutage protestiert. Gegen vergiftetes Bio-Gemüse, Käfigtierhaltung, schlechte Politik, hohe Inflation und so weiter. Aber wieso protestiert niemand gegen den langen Winter? Er wird hin genommen wie er ist, jeder regt sich auf und niemand protestiert so richtig für einen kürzeren Verlauf. Kurz aber effektiv könnte das neue Motto eines modernen Winters lauten.
Abwechseln quillt das Rot, Gelb oder Grün aus den Ampeln, ergießt sich über die jeweilige Straße oder über darunter durchfahrende Autos. Die sind an bestimmten Tagen dann Gelb und Grün oder nur Gelb oder auch nur Grün. Am meisten davon klebt auf deren Scheibenwischer. Vor lauter Kälte quillt nicht nur die Farbe aus den Ampeln, auch die Ampelmännchen kippen fröstelnd raus, rappeln sich auf und bitten vorbeigehende Fußgänger freundlich sie wieder in die Ampel zu setzen. Manche von ihnen rappeln sich nicht richtig auf und werden von durchfahrenden Autos rigoros zerquetscht. An bestimmten kalten Tagen gibt es nicht nur Farbe auf den Straßen, sondern auch jede Menge zerquetschter Ampelmännchen mit abgetrennten Gliedmaßen.
Im Akkord wird an neuen gearbeitet. Bis die aber wissen was sie in ihrer Box zu tun haben, bis die also richtig geschult sind, ist längst jedem aufgefallen, dass zahlreiche Ampeln leer sind. So leer, dass sie ignoriert werden. Ampeln ganz ohne Ampelmännchen sind keine richtigen Ampeln und sind daher zu ignorieren. Sagt der Verkehrssprecher eines unaussprechlichen Clubs mit über 2 Millionen Mitgliedern. Seit dem zischen über 2 Millionen Mitglieder täglich im Winter über zahlreiche rote Ampeln, nur weil die Männchen darin fehlen. Was? Fußgänger können nicht zischen? Haben Sie eine Ahnung. Vielleicht nicht unbedingt in Wien. Wer aber schon mal in New York war, der weiß, dass dort alle Fußgänger zischen. Ganz so als hätten sie einen unsichtbaren Düsenantrieb in ihren Hintern. Das fällt jedem auf wenn er von Wien nach New York kommt, dass er der langsamste aller Fußgänger ist. Außerdem sucht er immer wieder Blickkontakt. Das macht in New York kein Mensch, außer er ist Tourist oder aus Wien. Blickkontakt wollen die alle nicht. Zumindest nicht auf der Straße. Nach einer knappen Woche Aufenthalt in New York kommt man zurück nach Wien und erlebt sich hier plötzlich als der schnellste aller Fußgänger. So schnell geht das. Eben noch der langsamste und eine Woche später der schnellste. Das gibt sich aber in kurzer Zeit wieder und man verfällt zurück in das schleimige Kriechertempo von früher. Dann schleimt man so dahin, für Wien reicht es um es "zischen" zu nennen, und tritt die Ampelmännchen tot. Wenn man ein bisschen acht geben würde und einmal nach unten blicken täte, dann könnte man damit zahlreiche Ampelmännchenleben retten. Aber so wird geradeaus gegafft, vielleicht gerade noch auf die viel zu schnell fahrenden Autos, die mit gelben und grünen Klecksen bekleckert sind. Nach unten wird nur gegafft wenn es nach Geld klimpert, dann blicken plötzlich alle nach unten und suchen die fette Münze, vorausgesetzt das Klimpern war fett. Helles Klimpern wird ebenso ignoriert, der Cent ist nichts wert, hört man die vorübereilenden Fußgänger murmeln. Allerdings wenn man dabei ein Ampelmännchen rettet, ist selbst der Cent was wert und multipliziert sich ins unermessliche.
Der Winter dauert viel zu lange und schränkt das Denken ein. Wie von Scheuklappen wird es eingerahmt und kann nicht raus. Da werden die Ampelmännchen plötzlich vollkommen zur Nebensache. Denken in Scheuklappen ist denkwürdiger.
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