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Das Leben als Stopfgans E-Mail

photocase_de_schmidtkoeln_738937622.jpg"Greif zu und nimm dir noch etwas von dem Knabbergebäck. Noch Wein? Du zierst dich heute aber ..." - Dabei hatte ich bereits zwei Gläser Wein und Knabbergebäck im Ausmaß einer fetten Wochenration. Als Besucher hat man tunlichst jedes Kulinarium abzudienen, Widerspruch zwecklos. "Nimm doch noch was, schmeckt es dir heute nicht?" Diesmal ist es Marillenkuchen der mir verlockend offeriert wird.

Ich liebe es in guter Gesellschaft zu essen. Meist esse ich weit mehr als das Doppelte von dem was mein Körper bräuchte und versetze mich dadurch in die gequälte Aura einer ungarischen Stopfgans. Nur die machts eben nicht freiwillig und ist in wenigen Wochen so krank, dass sie vollgestopft auf den Markt geworfen wird, auf den Frankreichs für edelste Leberpastete die dortige Gourmets für ein erkleckliches Gut des irdischen Himmels halten. Ein weiterer Teil wird sich rechtzeitig bei zahlreichen Nachbarstaaten als Martinigansl in diversen Bratröhren wieder finden. Die Gans kann es sich nicht aussuchen. Besonders mutige unter ihnen stürzen sich kopfüber in die großen Fresströge und lassen sich mit geschlossenen Augen und schmerzverzogenem Gesicht von ihren Artgenossen und deren starren Schnäbeln tothacken. Eine langwierige Prozedur aber immer noch besser als an der drohenden Fettleber schmerzhaft zugrunde zu gehen. Für den Mäster ist es ein Unfall von vielen und er wird in wenigen Stunden den Leichnam der Gans an sich nehmen und emotionslos in den Müll werfen, um ihn der Tierkörperverwertung zuzuführen. Daraus wird dann Tiermehl produziert und dieses wiederum anderen ahnungslosen Tieren verfüttert.

Ich mache es freiwillig und lasse mich von den mich umgebenden Lieben stopfen. Es schmeckt ja so fantastisch. Wie sonst soll eine plausible Erklärung dafür gefunden werden, dass man eigenverantwortlich größtenteils auf Fleisch verzichtet und bei diversen Grillfesten auf Fleischportionen hereinfälllt, die unter normalen Umständen Drei-Wochen-Rationen gewesen wären. Aber es schmeckt ja so gut.

Übrigens heute gibt es wieder ein Grillfest, danach Kaffee und Kuchen. Danach fahren wir zu Bekannten und sind dort auch noch einmal auf Kaffee und Kuchen eingeladen. So hat man wenigstens den unmittelbaren Vergleich und kann sich ein Urteil erlauben in der sonntäglichen Querverkostung. Aber heißt es nicht, dass das Mehl bitter schmeckt, wenn die Maus satt ist?