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Unvorhergesehene Ereignisse E-Mail

photocase_rs_oil991426942.jpgUnvorhergesehene Ereignisse vermögen sich gelegentlich durchaus erfreulich und erquickend in einem bescheiden geführten Leben breit zu machen. Hier bin ich, hier erfreue ich dich. Guten Tag! Gelegentlich tauchen sie jedoch auf und man würde sie am liebsten in der selben Geschwindigkeit wieder verabschieden, wie sie kurz zuvor erschienen sind.

Guten Tag, hier ist ihr unvorhergesehenes Ereignis. Erfreut? Ganz und gar nicht. Ich sitze in 10.000 Metern Höhe, zugegeben komfortabel in der Breite, etwas beängt in der Fußfreiheit, mit einem Drink in der Hand, sponsorded by the company, und denke gerade über mein Leben nach. Genügt mir mein Job? Was wird mich auf dieser Geschäftsreise erwarten? Hat mein Nachbar Fußpilz oder sie daneben Schuppen? Gedankensplitter machen sich breit und verflüchtigen sich genau so wie sie erschienen sind. Unspektakulär.

"Meine Damen und Herren, wir dürfen bitten sich anzuschnallen. Der Käptn möchte sie darauf aufmerksam machen, dass wir in wenigen Minuten etwas unruhige Luftschichten queren werden."

Die Stewardess scheint freundlich unverbindlich wie beim Einstieg und dem Trockentraining für Notfälle. Immer lächeln, die Gedanken sind frei.

Musterschülerartig wird angeschnallt und die Maschine beginnt keinesfalls in wenigen Minuten ordentlich zu rütteln, sondern auf der Stelle. Ich tippe fix darauf, dass von der Message Kapitän an Stewardess kostbare Zeit vergangen ist. Vermutlich musste sie für ihre Durchsage den Eyeliner nachziehen. Auch gut. Hauptsache wir wissen woran wir sind und, dass es kein technischer Defekt ist.

Das mitreisende Publikum wird unruhiger, manche, vermutlich Flugangstpatienten, möchten auf der Stelle sterben. Man sieht es ihnen auch an.

"Meine Damen und Herren, hier spricht der Kapitän. Ich bedaure Ihnen mitteilen zu müssen, dass die Turbulenzen in absehbarer Zeit noch ein wenig stärker werden. Wir queren zwei Gewitterfronten. Ich möchte sie bitten ihre Getränke auszutrinken oder abzugeben und weiterhin angeschnallt zu bleiben. Sobald wir durch sind melde ich mich selbstverständlich nochmals."

Nun, wenn sich mittlerweile selbst der Kapitän in die Flugqualitätsdurchsagen involviert, dann ist vermutlich schlimmstes zu befürchten.

"Wir werden alle umkommen." murmle ich meinem angstbleichen Nachbarn zu und zwinkere ihm ermutigend an. Er kann nicht mal mehr grinsen. Ich gehe davon aus, dass er meine Worte für bare Münze hält und bereits ein Stoßgebet nach dem anderen wohin auch immer absetzt.

Die Maschine wackelt gewaltig und allmählich denke ich an den möglichen Absturz und den damit unweigerlich verbundenen Tod.

Die eine und andere Kotztüte wird hervorgeholt und sorgfältig mit Inhalten versehen. Nachdem auch das Flugpersonal fix verzurrt ist, bleiben die Tüten beim Spender und verströmen entsprechend olfaktorische Noten. - Es folgt ein entsetzlich lauter Krach, das Licht fällt aus.

"Meine sehr geehrten Damen und Herren, hier spricht der Kapitän. Ich bedaure es sehr Ihnen mitteilen zu müssen, dass soeben ein Blitz in das Flugzeug eingeschlagen hat und die gesamte Bordelektrik lahmgelegt ist. Wie sie vermutlich hören, sind auch die Motoren ausgefallen. Wir befinden uns noch immer auf einer Flughöhe von 8.000 Metern und werden den nächstmöglichen Flughafen segelnd anpeilen. Ich darf Sie bitten weiterhin angeschnallt zu bleiben."

Der Kapitän ist cool. So eine Art James Bond der Luftfahrt. Nichts kann ihn erschüttern.

Der Sinkflug ist deutlich zu spüren. Die werten Mitreisenden reißen ihre Münder auf und versuchen in ihren Köpfen einen Druckausgleich herzustellen. Weiterhin werden in Akkordarbeit Kotztüten befüllt und im Netz des Vordersitzes verstaut. Es erinnert mich an eine Morgendämmerung des Oktoberfestes, bleiche Gesichter und überall dieser elendigliche Geruch.

"Meine Damen und Herren, hier spricht der Kapitän. Ich bedaure es Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir voraussichtlich keinen Flughafen erreichen werden und notwassern müssen. Bitte nehmen Sie die Schwimmwesten unter ihrem Sitz hervor und legen Sie diese um. Bitte diese jedoch noch keinesfalls aufzupumpen. Warten Sie diesbezüglich auf meine nächsten Anweisungen."

Meinem Nachbarn scheint es vollkommen egal zu sein was der Kapitän so von sich gibt er beginnt sofort mit der Beatmung seiner Schwimmweste. Wenige Minuten später sitzt er mit hochrotem Kopf, Schweißperlen auf der Stirn und einer knapp sitzenden Schwimmweste neben mir. Spinner.

"Meine Damen und Herren, hier spricht der Kapitän. Ich darf sie bitten jetzt ihre Schwimmwesten zu aktivieren. Wir werden in wenigen Minuten notwassern. Ich wünsche Ihnen viel Glück und freue mich, sie schon demnächst wieder auf Air Crox begrüßen zu dürfen."

Von 235 zugestiegenen Passagieren und 9 Crew-Mitgliedern überlebten außer mir noch 25 Passagiere und 3 Crew-Mitglieder. Die meisten konnten sich nicht rechtzeigig aus dem Flugzeug befreien und wurden mit dem Wrack in die Tiefe gerissen. Die anderen ruinierte die nervliche Anspannung, mitten in der Nacht auf offener See zu treiben.