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Zeitgeschwindigkeiten E-Mail

aboutpixel_de_matsches_40_w_lampe.jpg60 Sekunden sind immer eine Minute, 60 Minuten ausnahmslos eine Stunde und 24 davon, sind wiederum ein Tag und so weiter. Und trotz dieser Erkenntnis vergeht die Zeit nicht immer gleich langsam oder rasch.

Die Zeit hat unterschiedlichste Qualitäten, die gleichsam darüber entscheiden, ob sie langsam, sehr langsam oder rasch vergeht. Unangenehmer Nebeneffekt schöner Zeit ist, dass sie zu verfliegen pflegt und meist mit einem unbedeutenden Lidschlag längst wieder der Vergangenheit zuzurechnen ist. Quälend nervige Zeit hingegen vergeht dafür in der Regel mindestens ebenso quälend, nämlich langsam und man möchte am zögerlich fortschreitenden Sekundenzeiger voller Ungeduld aufspringen um ihn mit einigen ordentlichen Peitschenschlägen anzutreiben.


Unlängst richtete ich ein Mail an eine interne Serviceabteilung unseres Unternehmens, mit der Bemerkung, die Illumination des WCs wäre zu kurzfristig gewählt. So war ich immer wieder mit der Problematik konfrontiert, dass sich inmitten des Zeitungsstudiums plötzlich einengende Dunkelheit über mich breitete und mich dazu zwang, so wie ich war, die Türe zu öffnen, mit der jeweiligen Zeitung kräftig nach draußen zu winken, um den Bewegungsmelder anzusprechen und daraufhin mit einer weiteren Etappe Licht versorgt zu werden. Undenkbar, mir wären inmitten meines Lichtzaubers Kollegen begegnet. Ich hätte mich auf viele Wochen lächerlich gemacht.


Nun ist es eine Besonderheit dieser Serviceabteilung, auf an sie gerichtete Mails NIE zu antworten. Sehr untypisch für eine Serviceabteilung. Über geheime informelle Kanäle konnte ich in Erfahrung bringen, dass sich die Mitglieder dieser Abteilung sehr über mein an sie gerichtetes Mail amüsierten und bereits mit der Erhebung der Lichtzeiten beschäftigt waren, allerdings dabei feststellen mussten, dass die gewährte Illumination ohnehin satte 11 Minuten beträgt. Ich war baff, denn meine vermuteten 5 bis 6 Minuten lagen weit davon entfernt und ich denke, dass mein Ersuchen um mehr Licht letztendlich auf blanke Verständnislosigkeit stieß, die in weiterer Folge in grenzenlose Ignoranz mündete.


Erst heute sah ich einen Mann aus dieser Abteilung, wir begegneten einander an der Kasse in der Kantine und blickten uns für viele Sekunden innig an. Er dachte sich: „Von uns bekommen Sie keine Sekunde mehr Licht.“ Und ich dachte mir: „Nicht mal auf Mails zu antworten finde ich einfach unerhört. Soll ich ihn darauf ansprechen??“ Ich tat es nicht und blieb in meiner Halbanonymität, denn durch das Intranet ist es sehr einfach sich das passende Gesicht zum lästig fallenden Namen zu verschaffen, somit war mir klar, dass jeder dieser Abeilung wusste, wie dieser Mensch mit den maßlosen Forderungen optisch beschaffen war.


Seit meinem Wissen über die unendlichen 11 Minuten litt ich übrigens nur noch selten an plötzlich eintretender Lichtlosigkeit.