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Blickdicht |
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"Nein, blickdicht ist für mich nichts!" die junge Frau sieht mich schelmisch an, reibt sich verlegen die Nase und sieht mich erwartungsvoll an. Mit Sicherheit möchte sie am besten sofort eine einschlägige Frage, was sie denn so sieht und ob sie mir nicht die eine oder andere Indiskretion verraten könne. So leicht wollte ich es ihr nun doch nicht machen und ich beschloss einfach mal nichts zu sagen, sie wortlos anzublicken und zu grinsen. Dazu sage ich nur "Hmm .... hhmm..." mehr nicht.
"Gut, ich will dir mal erzählen, was ich die letzte Zeit so gesehen habe."
Die junge Frau fällt meinem Schweigen ins Wort und fährt fort.
"Zwei Häuser weiter unten, gegenüber im grünen Haus, da wohnt eine ältere Frau mit einer Ziege. Es ist die einzige Ziege in der ganzen Straße. Das Tier hat ein eigenes Zimmer, mit Stroh und einem Mistplatz. Einmal im Jahr gibt es eine Junges, die Ziege wird von einem Tierarzt künstlich befruchtet. Das Junge wird aber noch als Kitz von einem Fleischhauer abgeholt und für die alte Frau geschlachtet. Von dieser Fleischration lebt sie viele Monate. Damit die Ziege ihre Milch nicht verliert, wird sie täglich von der alten Frau zwei mal händisch gemolken. - Sag mal interessiert dich die Geschichte überhaupt?"
Die Erzählerin sieht mich irritiert an und ich erkläre ihr leicht stotternd aber sehr ausschweifend, dass es mich etwas nervös mache, weil wir unentwegt vom Pärchen am Nachbartisch belauscht werden.
"Ach was, lass dich mal davon nicht beeindrucken, sie sollen ruhig zuhören. Also, die alte Frau melkt ihre Ziege zwei mal täglich und die Milch trinkt sie oder manchmal macht sie auch Käse daraus." Die junge Frau musste herzlich lachen. "Weißt du, ich habe sie mal auf der Straße gesehen und da raunte ich ihr zu: ICH WEISS ALLES! Die alte Frau blickte mich darauf hin an und meinte zu mir, dass ich nicht glauben solle, dass sie es nicht gemerkt hätte, dass ich sie die ganze Zeit ausspioniere. Das hat mich dann absolut verunsichert. Die alte Frau legte noch nach und meinte, die Ziege, und sie wisse, dass ich ausschließlich auf die Ziege anspiele, dass sie die Ziege seit dem 2. Weltkrieg hätte, freilich nicht immer die selbe. - Ist doch sehr komisch oder??"
"Hast du noch ein Geschichtchen?" ich blicke die junge Frau an und mache eine ungeduldige Handbewegung die darauf hindeutet, dass sie mit ihren Erzählungen doch endlich fortfahren solle.
"Ein Haus nach dem der alten Frau mit der Ziege, dort wohnt ein Mädchen, ungefähr 6 oder 7 Jahre alt. Es weint die ganze Zeit. Entweder es liegt auf dem Bett und weint oder es steht am Fenster und weint. Dabei verschmiert es die Scheiben und malt mit ihren Fingern aus den vielen Tränen große Herzen. In der selben Wohnung lebt auch ein Mann, ihr Vater, der wurde über die Zeit zusehends von Woche zu Woche dünner, manchmal betrinkt er sich, manchmal ignoriert er das Mädchen und blickt für Stunden auf die leere Wand, gelegentlich nimmt er das Mädchen in den Arm und weint mit ihm. Die 2 Brüder des Mädchens, die Mutter, die sind schon seit vielen Wochen verschwunden. Es dauerte nicht lange und mir fiel der grässliche Autounfall in der Stadt ein in dem eine Familie beinahe zur gänze ausgelöscht wurde. Nur zwei Insassen überlebten, drei starben auf der Stelle. Das passierte durch eine kleine Unachtsamkeit eines Busfahrers der bei einer Besichtigungstour auf die Gegenfahrbahn kam und das Auto frontal abschoss. Seit dem weint das Mädchen und seit dem sieht der Mann in seinem Leben kaum mehr einen Sinn. Der Schmerz kommt in Wellen bis zu meinem Fenster und erfasst mich, lässt mich manchmal mit ihnen weinen und ich hoffe, wann immer ich sie sehe, dass es ihnen sehr bald besser gehen möge."
Die junge Frau fährt sich mit ihren Händen durchs Haar und zittert dabei etwas.
"Weißt du, ich bilde mir sogar schon ein, dass es ihnen eine Spur besser geht. Die Zeit heilt Wunden, vielleicht auch diese. Ich wünsche es ihnen."
Ich blicke auf die Uhr: "Hey, wir sollten nun gehen. Du musst mir unbedingt demnächst noch ein paar deiner Geschichten erzählen." Ich blicke meine Erzählerin an, gebe ihr einen sanften Stups und lächle ihr etwas Mut zu, denn sie trägt noch immer Trauer im Gesicht.
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