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Je älter man wird, umso lauter und aufdringlicher werden die Geräusche die das eigene Leben begleiten. Vielleicht nimmt zur zunehmenden Schwerhörigkeit die Fähigkeit zu, eben erwähnte Lebensgeräusche immer besser wahr zu nehmen. Es sind ja auch keine Geräusche in dem Sinn, daher von einem im Stich lassenden Ohren unbeeinflusst.
Wenn ich mich umblicke, sehe ich Menschen in meinem Alter oder knapp jünger die vom Zahn der Zeit so kräftig angenagt sind, dass es mir schwer fällt zu glauben, dass sie meiner Generation angehören und doch tun sie es. Ich sitze mit ihnen im Café, wir stehen auf, sie humpeln merkbar die ersten paar Schritte, bis sie ihre Gebeine wieder eingerichtet haben, die durch 3 Stunden unbewegliche Konversation versteinerten. Andere klagen über kaputte Schultern, über einen angeknacksten Bewegungsapparat, über Migräne, über hohen Blutdruck und was weiß ich noch was.
Ich habe nur ein Knie vorzuweisen, dass vom Yoga etwas beleidigt wurde und wo ich heute noch mit meiner Yoga-Lehrerin in einer Meinungsverschiedenheit liege, dass der blaue Fleck von erwähnter Beleidigung herrührt. Sie meinte ja, dass wäre zu lange her. Ich meinte, gut Ding braucht weile und warum soll ein blauer Fleck nicht ausnahmsweise langsam sickern. Wir werden nie wissen wer im Recht liegt.
In Wahrheit beginnen die unangenehmen Lebensgeräusche ja bereits mit dem Verlust der Großelterngeneration. Nichts ist mehr wie es einmal war, sie sind für immer weg und nicht mehr greifbar. Zumindest nicht unmittelbar hier in diesem Leben. Natürlich könnte ich im Schneidersitz am Bett sitzen und in meine heiß geliebte Omi meditieren wie ich es im Rahmen eines Seminars getan habe. Ich könnte sie fragen wie es ihr geht und sie würde mir vielleicht wieder nonverbal antworten, dass es ihr ganz gut gehe, sie aber unter meiner Trauer leide, die unendliche Trauer, wenn ich an sie denke und es mir bewusst wird, dass ich sie in diesem Leben für immer verloren habe.
Laute Lebensgeräusche geben die kleinen Kinder, die man ehemals in den Armen hielt und tröstete weil sie weinten, und zu denen man jetzt rein körperlich gesehen aufschaut, um ihnen in die Augen blicken zukönnen. Aus den kleinen Dingern wurden große Damen und Herren, die sich allerdings noch seltenst als solche zu benehmen wissen.
Lebensgeräusche die nachdenklich machen, kommen zum Vorschein, wenn man via Google ehemalige Liebhaberinnen ausfindig macht, die man als 16jähriger Teenager ein Jahr lang lustvoll beglückte und deren Namen man jetzt im Villacher Pfarrblatt unter den Todesanzeigen zu lesen bekommt. Wenn sich manifestiert was man schon immer wusste aber einem tunlichst verheimlicht wurde, dass 35 Lebensjahre einander trennten. Das macht nachdenklich, wenn einem Stücke aus dem eigenen Lebenskreis wegbrechen, unwiederbringlich vergehen.
Was hat es an sich, dass einem die eigene Seele ein Bild zuruft, dass einer näheren Betrachtung im Badezimmerspiegel nicht stand hält. Zwischen dem einen und dem anderen liegen vermutlich 20 Jahre und mehr, je nach Tagesverfassung und Jahreszeit. Es stellt sich die Frage was gilt, der Seele Projektion oder der Badezimmerspiegel? Auch dies wird von der Tagesverfassung und der jeweiligen Jahreszeit abhängen.
Es lohnt sich allemal den Lebensgeräuschen zu lauschen, auch wenn man manchmal am liebsten dazu erbrechen möchte, nicht ausschließlich, denn manche Lebensgeräusche sind auch vollkommen unaufgeregt.
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