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photocase_de_zeal_6u7zkwst2.jpgManches kann man, macht es aber ungern. Manches kann man, mit kritischen Augen betrachtet, überhaupt nicht und liebt es trotz allem. Oft gilt es eine ambivalente Mitte zu finden, um mit sich selbst am meisten Freude zu haben und der Umwelt nicht zu sehr weh zu tun.

Ich singe zwar gern, kann es aber nicht. Wenn ich mich selbst singen höre, tut das ja auch nichts zur Sache und klingt ja nicht so übel. Sobald man allerdings bei guten Freundinnen eingeladen ist, die über "Sing Star" verfügen und entscheiden es müsse gesungen werden, liegen die Karten der Realität auf dem Tisch. Man stelle sich eine winzige Spielekonsole vor, zwei Mikrofone, einen Fernseher. Anfangs dachte ich mir noch, "Faith" von George Michael, kenne ich, klingt gut, kann ich singen, ist super einfach. Hm...  knappt vorbei, ich bekam viel zu wenig Punkte zusammen, der Text war viel zu rasch da und schon wieder weg, es war ein Fiasko.

Ich kann nicht singen.

Man war zu mir sehr freundlich, klopfte mir aufmunternd auf die Schulter und meinte noch:

"Nicht aufgeben, sing weiter!"

Ja ...   und ich sang zwar was das Zeug her gab, für gute Punkte allerdings zu wenig. "Sing Star" entpuppte sich als frustrierendes, alles aufdeckendes Spiel für talentierte Sänger. Meine einzige Genugtuung war, dass es meinen Mitbewerbern nur unwesentlich besser erging.

Da fällt mir noch ein, nicht einmal der Tod ist verlässlich vorher zu sagen. Ich verbrachte vergangenen Sonntag bei einer 97jährigen Frau. Sie lag im Sterben, atmete nur unregelmäßig, ich benetzte von Zeit zu Zeit ihren Mund und hielt ihre Hand. Mehr konnte ich für sie nicht tun. Das machte ich geschlagene drei Stunden so. Als ich diesen Sonntag wieder ins Hospiz kam, lag genau diese Frau in ihrem Bett in der Küche des Hospizes. Sie döste so vor sich hin und als ich an ihr Bett trat, schlug sie die Augen auf und begann angeregt mit mir zu sprechen. Sie forderte mich auf doch einen Stuhl zu nehmen und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie der Meinung war ich wäre nur wegen ihr ins Hospiz gekommen. Später vermischte sie noch ein wenig Fiktion mit Realität und dachte ich wäre ein Anverwandter, der ich jedoch freilich nicht war. Sie war unglaublich dynamisch und voller Energie und ich konnte es einfach nicht begreifen, mit den Bildern von vergangenem Sonntag vor meinem geistigen Auge.

Und falls der geneigte Leser nun glaubt die arme Frau musste wegen einer eventuellen Überbelegung in der Küche liegen, der irrt. In besagter "Wohnküche" findet das Leben statt, da tut sich unheimlich viel und wenn das Pflegeteam der Ansicht ist, dass eine Person das jetzt ganz besonders braucht, dann wird diese mitten ins Leben katapultiert. - Ganz nach dem Motto: "Wunder werden umgehend realsiert, Unmögliches dauert ein wenig länger."