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Schon wieder ein Laden der verzückt. Er ist vom Leben entrückt, die Sonne scheint durch eine der wenigen Fensterscheiben und lässt mich glauben, dass der Strahl den die Scheibe so gefiltert in den Laden lässt, dass dieser Strahl unmittelbar von "oben" geführt wird Und als wäre es die konkrete Bestätigung für meine intuitive Vermutung, beginnt die Fliege die gerade zielgenau in ihm landete, mit einer noch nie gesehenen Geschwindigkeit zu wachsen. Unmerklich, aber ist es nicht verwunderlich wenn eine Fliege so innerhalb weniger Sekunden um das doppelte ihres Umfanges zunimmt?
Es hätte mit Sicherheit niemand bemerkt, die spontane Zellenexplosion dieser Fliege. Da mich der Strahl allerdings so intensiv beschäftigte, fiel mir die Fliege auf und somit das "Wunder". Man ist ja rasch geneigt von einem Wunder zu sprechen, wenn etwas nicht alltägliches passiert oder etwas passiert, das rational nicht mehr zu erklären ist. Eine Fliege die innerhalb von wenigen Sekunden doppelt so groß wird wie sie es gerade eben noch war, das ist dann wohl ein Wunder.
Nur was soll die Symbolik sein? Ist das eben noch bestaunte Wunder logisch interpretierbar? Die Brotvermehrung fällt mir spontan ein. Hat nicht Jesus an diesem See Brot und Wein vermehrt weil es galt zahlreiche hungrige Mäuler zu stopfen? Um mir die göttliche Kraft zu zeigen, wird mangels Brot und Wein eben rasch mal die Fliege vermehrt, vergrößert, aufgeblasen. Nun werden mindestens 2 Vögel satt von ihr. Kleine Vögel, gut ja, kleine Vögel natürlich. Sollte wohl auch nur ein Zwinkern von "oben" sein: "Hallo, hier bin ich, schau mal was ich kann." Schön, ich bin echt verwundert, bewundere und würde auch gern Fliegen vermehren können. Denn wenn es bei Fliegen klappt, dann würde ich es bei allen möglichen Geldscheinen anwenden. Geht nicht, darf man nicht vermehren, die Sicherheitsnummern. Klar, wie konnte ich vergessen. Dann eben doch Wein. Und so Schläuche gibt es nicht mehr in denen der Wein transportiert wurde. Waren damals schon Fässer? Nein, Fässer kommen uns nicht in die Wohnung, wie sieht das aus. Also würde ich mir eine Bouteille besten Weines besorgen und genau hier unter dem Strahl platzieren, täglich.
"Sehen Sie sich das mal an!"
Ein weißhaariger, knorriger, alter Mann mit Zottelfrisur reißt mich aus meinen Gedanken und streckt mir seine beiden Hände entgegen. Abwechselnd blicke ich auf die geöffneten Handflächen und in seine leicht flackernden Augen. Wäre ich mir nicht ganz sicher, würde ich genau diesen besagten Blick einem Menschen widmen, der nicht ganz Herr seiner Sinne ist. Und auch bei ihm bin ich mir nicht ganz im klaren darüber was er mit mir im Schilde führt.
"Hören Sie nicht? Treten Sie näher und sehen Sie sich das an!"
Die Arme verlängern sich in der Ungeduld des alten Mannes um weitere Zentimeter und sein Augenflackern wird durchaus deutlicher. Dabei zittert er mit seinen Händen und streckt Sie mir weit entgegen. Ich blicke abwechseln auf die geöffneten, faltigen Handflächen, in das Augenflackern des knorrigen Mannes, auf die Handflächen und bleibe wieder in diesem mir leicht unheimlichen Blick hängen.
Er weiß nicht was er tut, sind meine Gedanken und weiters denke ich mir, wie führt ein Mensch wie er so einen Laden?
"Nun was sagen Sie? Das haben Sie wohl auch noch nie gesehen oder?" er blickt mich etwas spöttisch mit einem ernsten Unterton an. "Jeden Tag um diese Zeit ..." zischelt er durch zwei Reihen schlechter Zähne in meine Richtung und verstummt mitten im Satz.
"Hm ... ich weiß nicht was ich dazu sagen soll." ratlos stehe ich vor ihm und blicke achselzuckend auf seine offenen Handflächen, aus denen jeweils genau aus der Mitte je ein kleines Rinnsal Blut über den seitlichen Handrücken läuft und genau so fein auf den Tresen tropft.
Ich bin ratlos, meine Gedanken überschlagen sich und ich bin mir gerade nicht sicher wer da vor mir steht.
"Machen Sie morgen das Fenster zu, dann bleibt das weg." höre ich mich ihm empfehlen. "Und wenn Sie das nicht möchten, dann rufen Sie wenigstens ein Kamera-Team an und lassen Sie es aufnehmen und so rasch wie möglich senden." Ich lächle gedankenverloren vor mich hin, mache kehrt, denke noch an die nun doch möglich gewordene Geldvermehrung von oben und verlasse den Laden mit einem flüchtigen Kreuzzeichen von Buddhistenhand.
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