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Die Unbekannte E-Mail

photocase_de_joexx_69vq4fez2.jpgZum ersten Mal trete ich ihr gegenüber, sie liegt oder halbsitzt im Lehnstuhl vor mir und würdigt mich keines Blickes. Im Zimmer ist es frostig kühl, ich helfe mir mit einer Decke, später mit einer Jacke aus, für eine Temperatur wie diese bin ich zu leicht bekleidet. Die niedere Raumtemperatur ist ihr Wunsch, sie verträgt absolut keine Wärme oder gar Hitze und will es unbedingt kühl. Alle anderen sollen sich danach richten oder wieder gehen.

Ich sehe die Frau zum ersten Mal und sie würdigt mich keines Blickes, weil sie in diesem Moment mit sich selbst mehr als genug zu tun hat. Sie ringt um ihr Leben und der Tod ist vermutlich nur noch wenige Stunden, kaum noch Tage enfernt. Die Augen sind geschlossen, der Kopf mal aufrecht, mal leicht zur Seite geneigt, die Frisur sehr ordentlich, das Gesicht von den Lebensjahren zerfurcht. Einige Furchen tragen die Kennmarke von vor 5 Jahren als ihr Lebensgefährte überraschend gestorben ist, andere Furchen zeugen vom Leid von vor einem Jahr als ihr einziges Kind, ihre innig geliebte Tochter durch Krebs, ein Melanom, ums Leben kam.

Ihre Familie besteht im Wesentlichen nur noch aus ihrer eigenen Mutter, diese ist weit über 80 und im Pensionistenheim. Heute war sie zu Besuch und bis zu ihrem Abschied soll die Welt noch verhältnismäßig heil gewesen sein, sie soll sogar noch ein Telefonat geführt haben. Innerhalb weniger Minuten verfiel die Frau in den Zustand in dem ich sie jetzt vor mir habe. Um ihr Leben ringend, mehr drüben als da.

Es kommt eine Freundin und sie erzählt mir Details, von der erst vor einem Jahr verstorbenen Tochter, vom vor 5 Jahren verstorbenen Lebensgefährten, der ein Chaos hinterlassen hat, von der raffgierigen entfernten Verwandtschaft. Von ihren gemeinsamen 27 Jahren, die sie die kleine Familie nun kennt. Während sie mir das alles erzählt, hält sie die Hand der Frau die im Begriff ist hinüber zu gehen und streichelt sie sanft. Sanft berührt sie ihr Gesicht und hat dabei Tränen des Abschieds in den Augen. Es ist ein Abschied der schmerzt. Und doch möchten wir sie nicht halten und fordern sie auf loszulassen um ihre Tochter wiederzusehen. Gehen sie nur, gehen sie ins Licht.