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Eine Fahrt nach Neusiedl |
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Heute waren wir in Neusiedl am See, im Burgenland. Ein sogenannter Tagesausflug von der Homebase Wien aus. In Wirklichkeit handelte es sich um einen Halbtagesausflug, denn unser Zug ging erst um 12 Uhr 43. Ein Zug, modernster Bauart und einer kurzweiligen Fahrzeit von nur 32 Minuten.
Im Vorfeld erzählte ich einem Freund davon, dass wir vor hätten nach Neusiedl zu fahren. An und für sich wollten wir uns den Ort ansehen, dort wird so unsagbar viel gebaut und meine zweite Beziehungshälfte träumt seit vielen Monaten von einem trauten Leben am Lande. Besagter Freund meinte, Neusiedl hätte nichts zu bieten und wäre potthässlich. Rust wäre für einen Tagesausflug eine wesentlich interessantere Alternative. Ein zweiter Freund wollte uns begleiten, sandte uns jedoch nach am Vorabend ein Mail, dass er es sich überlegt hätte und uns viel Spaß wünsche. Heute rief ich ihn an und erfuhr, dass er sich Neusiedl auf der Karte angesehen hätte und, dass er doch lieber nicht mit uns mit wolle, nach Rust allerdings, da würde er doch mitfahren. - Interessant, Rust zieht offensichtlich, Neusiedl nicht.
Erster Freund meinte noch, wenn wir Räder mitnehmen, dann könnten wir zur "Mole West" fahren. Ich meinte, wir hätten keine Räder. Also würde uns die Mole verwehrt bleiben. Auch ok.
Wir kamen an und entschieden uns gegen den Bus, vor dem nahezu alle standen, die ohne Räder unterwegs waren. Wir, eigensinnig wie immer, entschlossen uns zu Fuß weiterzugehen und auf den motorisierten Transfer irgendwohin zu verzichten.
Neusiedl ist eines der typischen Dörfer im Burgenland, durch die in der Mitte eine Straße führt und die Häuser nahtlos links und rechts aufgefädelt sind. Nur, ganz im Gegensatz zu den anderen Dörfern, hier stehen keine Bänke vor den Häusern auf denen die Bewohner sitzen und den Verkehr beobachten. Das neue Neusiedl siedelt dahinter an und dort boomt es offensichtlich heftig.
Wir trotteten dahin, kamen bei Helga Dolezal vorbei, einer durchaus bekannten Beautyfarm, neuerdings für Abonnenten der Kronen Zeitung günstiger. Hat also seine beste Zeit auch schon hinter sich. Rechter Hand begegnen wir dem Hotel Wende. Da schlief ich vor Urzeiten schon einmal. Wir trotteten weiter und kamen irgendwann zum Neusiedler See und zur besagten "Mole West". Ein Schickimicki Treff, das muss ich morgen sofort bei besagtem Freund reklamieren, morgen sind wir bei ihm zum Brunch eingeladen.
Schlussendlich landeten wir im Strandbad und gingen schwimmen. Ich war noch nie im Neusiedler See schwimmen und somit blieb mir bisher der Schlammboden verwehrt. Um es zusammenzufassen, des Neusiedler See Schlammboden ist vollkommen ekelerregend und man ist dazu verdammt zu schwimmen und zu schwimmen und zu schwimmen. Solange, bis man wieder den Kiesboden des sehr nahen Ufers erreicht hat.
Dann schwimmen Sie doch einfach weiter hinaus!
Bringt nichts, der Schlammsee wird nicht tiefer. Jemand erzählte mir mal, man könnte diesen See durchwaten. Wie ein etwas weniger geübter Jesus.
Schlussendlich gingen wir wieder zurück und kehrten beim Heurigen ein. Das war total lecker und fett. Zweigelt Reserve von Süss kann man trinken. Wieso man den Wein ausgerechnet beim Heurigen nicht richtig temperiert und viel zu kalt bekommt, das weiß ich natürlich nicht. Die resche Wirtin wollte ich nicht fragen, die hätte mir womöglich das Jausenmesser in den Bauch gerammt und der Zweigelt Reserve wäre mir auf den Boden geronnen. "Wenn Sie den Wein nicht wollen, dann lassen Sie ihn eben da." Hätte sie mir mit rollenden Augen zugeflüstert und wäre wieder ins Haus gegangen.
Sonst war aber alles in Ordnung. Wir kauften sogar 2 Flaschen Traubensaft.
Der Zug zurück war total voll. Die ÖBB verwenden altes Wagenmaterial und nennen die Züge dann "Erlebniszug". Es knarrt und schaukelt auch viel stärker als in anderen Zügen. Also tatsächlich ein wahres Erlebnis. Kotzen vor lauter Schaukeln mussten wir nicht.
Neben uns saß Kill Bill. Kill Bill hatte langes, strähniges, stark ergrautes Haar, eine Ray Ban auf auf der Nase und ebenso ergrautes Brusthaar von ungefähr 4 cm Länge. Das stand auch besagte 4 cm von der Brust weg. Den Oberkörper bedeckte er mit einer schwarzen, dünnen Strickweste mit V-Kragen. Nur damit. Dann hatte er eine kurze Hose an mit Karos und, ich weiß nicht wie man diese Dinger jetzt nennt. Bei uns in Kärnten nannte man sie "Zockeln". Das waren so Holztreter, ein bisschen höher und vorne geschlossen. Die hatte er auch an. In schwarz. Einen Fahrrad Korb trug er auch noch mit sich. So ein bisschen eine feminine Note hatte Kill Bill sehrwohl. Ansonsten sah man ihm durchaus an, dass er seit geschätzten 10 Jahren in Pension weilt und ihm sein Job als Profikiller kaum mehr abgeht. Emotional hält er sich mit Pfuschs über Wasser. Einmal monatlich wird gepfuscht, im In- und im Ausland. Beim Attentat in Düsseldorf war er nicht, das waren tatsächlich Italiener. Mit einem entsetzlichen Selbstbewusstsein legte er seine Füße, inklusive dieser Dinger auf die seitliche Armlehne seines Sitzes gegenüber. Meine Beziehungshälfte ermahnte mich leise, ihn nicht so anzustarren und ich solle gefälligst geradeaus sehen oder zum Fenster hinaus. Man merkt sofort den Schuldienst. In den Ferien bin immer ich der Schüler und muss parieren. Tu ich aber natürlich nicht, ich bekomme schließlich kein Zeugnis. Also starrte ich zumindest noch ein paarmal verstohlen zu Kill Bill und flüsterte ihm zu, ich hätte ihn erkannt und er solle sich davor hüten, hier im Zug ein Ding zu drehen. Wenn wir in Wien mit einer Leiche ankommen, dann verpfeife ich ihn bei der Polizei.
Kill Bill bekam weiche Knie und blieb friedlich.
Wieso ich mir allerdings für 19.20 Uhr Karten fürs Kino besorgte, wo ich doch hätte wissen müssen, dass wir erst um 19.45 Uhr in der Wohnung ankommen, das kann ich aus heutiger Sicht auch nicht mehr erklären. Vermutlich wären wir ohnehin vor Müdigkeit im Kino eingeschlafen. So werden sich unsere Sitznachbarn über etwas mehr Seitenfreiheit freuen und der Kinomensch über Einnahmen ohne Abnutzung.
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