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Plötzlich war es da, das kleine dunkelhaarige Mädchen. Dort lag es im Schnee, viel zu leicht angezogen für die Jahreszeit, viel zu allein für die späte Tageszeit, längst war es Nacht geworden und bitterlich kalt. Die Sterne, die das kleine dunkelhaarige Mädchen von ganz oben betrachteten wunderten sich, denn sie haben das Mädchen nicht kommen sehen. Plötzlich lag es da im Schnee und zitterte ganz heftigt. Die Sterne waren ratlos.
"Steh auf und geh weiter, sonst wirst du erfrieren", wisperten sie dem Mädchen von aller Ferne ins Ohr. "Du darfst nicht liegenbleiben, steh auf." Das Wispern wurde kräftiger und wie an unsichtbaren Schnüren gezogen, stand das dunkelhaarige Mädchen auf und ging wieder einige Schritte weiter. Es sah sich viele Mal um und konnte nicht mehr sagen in welche Richtung es zurück gehen solle. Zu lange war es nun von zu Hause fort um eindeutig sagen zu können woher es kam.
Es war ein zu Hause wie es trostloser nicht sein könnte. Die Mutter vor zwei Jahren an einer schweren Lungenentzündung verstorben. Tage saß das Mädchen an ihrem Bett und konnte nur zusehen wie immer mehr Leben aus ihrem Körper wich. Sie flößte der Mutter klare, kräftigende Hühnersuppe ein, die sie von der Nachbarin mit dem Auftrag bekam sie ausschließlich ihr zu geben. Für alle wäre nicht genügend da. Das Mädchen tat wie von der Nachbarin verlangt und gab ihrer Mutter Löffel um Löffel die klare Suppe ein. Und doch schien es so als hätte ihre Mutter längst aufgegeben und keine Kraft mehr um die kräftige Hühnersuppe in Energie umzuwandeln. Sie lächelte müde ihre Tochter an und schloss die Augen um wieder zu schlafen. Sie schlief den halben Tag, zwischendurch hustete sie und es rasselte als wäre ein riesiges, altes Uhrwerk in ihrem Brustkorb.
Am nächsten Tag wurde der Husten nochmals um vieles stärker und das kleine Mädchen saß mit der noch kleineren Schwester gemeinsam am Bett und streichelte der Mutter immer und immer wieder über das stumpfe, grau schimmernde Haar. Sie begannen zu weinen, schließlich merkten sie wie es um ihre Mutter stand und wie der kleine Funken Leben in ihr immer schwächer wurde.
Die Mutter starb noch am selben Tag und als sie vor den beiden Mädchen in ihrem Bett lag, da wirkte sie sehr friedlich, beinahe zufrieden.
Die kleinere Schwester wurde von einem ihr vollkommen unbekannten Mann und seiner Frau zur Pflege abgeholt. Und das dunkelhaarige Mädchen blieb bei seinem Vater und sorgte sich so gut sie es konnte um den Haushalt. Der Vater ertränkte seinen Schmerz in reichlich billigem Alkohol. Er konnte es einfach nicht verstehen wie sich seine Frau so einfach aus diesem Leben stehlen konnte. Sie hatten ja nie etwas und jetzt ist das bisschen was sie hatten auch noch weg. Nein, es war keine gute Beziehung, sie war nie leidenschaftlich, nie liebevoll. Die leidenschaftlichen Momente waren auf einer Hand abzuzählen und das Ergebnis waren 3 männliche Totgeburten und die zwei Mädchen. Und doch trauerte er seiner Frau nun nach und verstand die Welt nicht mehr. Wäre er nicht zu feige, hätte er sich längst am nächsten Baum hinter dem Haus aufgehängt um sich das hier und jetzt zu ersparen.
Nein, zurück wollte das kleine dunkelhaarige Mädchen nicht mehr. Lieber wolle es immer gerade aus gehen und vielleicht gibt es ja ganz da hinten, hinter dem großen Berg eine Familie die es mag, versteht und vielleicht sogar liebt. Das Mädchen stolpert wieder und immer wieder. Die Schuhe sind längst zerrissen, der Schnee kommt den ohnehin kalten Füßen immer näher.
"Hier gehts lang. Geh immer gerade aus, dort kommt ein Weiler, das alte Ehepaar nimmt dich sicher auf." flüstern die Sterne und machen dem Mädchen Mut. Und es wankt vollkommen entkräftet weiter, stolpert erneut und bleibt über viele Minuten liegen, aus den Minuten wird allmählich eine halbe Stunde.
"Kind, steh doch auf, du hast nur noch einige Minuten zu gehen, dann bist du am Weiler angelangt." Die Sterne sind verzweifelt und können doch nur zusehen, wie es hier vor ihnen liegt und nur noch schwach atmet. Es ist zu entkräftet um noch einmal aufzustehen und längst ist die grimmige Kälte einem wohlig, warmen Licht gewichen. Das Licht trägt es in diesen Momenten hinauf zu den Sternen um die beiden Seelen, die der Mutter und des Mädchen wieder zu vereinen.
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