Zugegeben, den Gruppensex gab es nicht und vermutlich handelt es sich auch bei dieser Zeile nur um einen der aufreisserischen Titel, um die Zugriffe zu erhöhen. - Ist ja hiermit gelungen. Aber als ich so den Arm eines Jünglings im Gesicht hatte und auch sonst sehr viel Tuchfühlung, da fiel mir diese Schlagzeile ein und der Vergleich hinkt nicht besonders.
Was war geschehen? Dank der Wiener Linien hatte ich heute Morgen eben besagtes Gruppensex-Happening. Was man nicht alles für etwas mehr als 44,- Euro im Monat geboten bekommt. Der Reihe nach. Der Zug fährt ein, ich sehe noch, wie die Tafel mit der Zug- und Zeitanzeige auf 10 und 17 Minuten springt und denke mir noch, "Glück gehabt, mein Zug ist ja schon hier, ich muss nicht mehr warten", bis ich realisierte, dass die Zeitanzeige bereits meinen Zug betraf. Das heißt, wir standen schon einmal eine halbe Ewigkeit in meiner Station. Wie lange kann eine halbe Ewigkeit dauern? Bei den Wiener Linien noch immer kürzer als man allgemein vermuten würde. Ich hatte einen Sitzplatz und so ließ es sich aushalten, auch halbe Ewigkeiten beim Fenster hinausschauend, andere Fahrgäste beobachtend, vergehen zu lassen.
Einige Stationen später bemerkte ich, dass beinahe alle ausstiegen. Nur ich nicht, denn ich war durch meinen I-Pod und dem spirituellen Angelo Branduardi von der Umwelt gehörtechnisch abgeschnitten, und so standen noch einige die die Ansage zwar auch hörten aber nicht verstanden mit mir im U-Bahnzug, nicht alle von ihnen hatten Stöpsel im Ohr. Also erkundigte ich mich und machte mich daran, auch den Zug zu verlassen. Denn in die andere Richtung wollte ich schon ganz und garnicht. Der Zug kehrte nämlich wieder um und fuhr zurück von wo er gekommen war.
So standen wir alle da und warteten auf die nächste Mitfahrgelegenheit. Das dauerte nochmals eine halbe Ewigkeit. Als ich bedachte, dass ich meinen I-Pod an 4 von 5 Tagen nicht mit mir habe, schätzte ich ihn noch einmal ein wenig mehr.
Die halbe Ewigkeit verging und obwohl der einfahrende Zug knallvoll war, zögerte ich kaum eine Sekunde, tat es einigen anderen gleich und stieg zu den Massen zu. Das war der Beginn des in der Titelzeile verewigten Gruppensex, allerdings noch ohne Jüngling, denn der stieg erst später ein und schob mir von Beginn unserer Kurzbeziehung an, andauernd seinen Arm ins Gesicht. Entlang der Körperlinie Hüfte seitwärts bis Knie gab es weitere Kontakte die ich so nicht wollte. Ich kannte ihn ja nicht einmal. Hätte er sich jedoch mir vorgestellt, müsste ich ohnehin auf mein vor ca. 2,5 Jahren beendetes Single-Dasein verweisen und mich achselzuckend von ihm und seiner völlig unerwarteten, anonymen Aufdringlichkeit abwenden. Davon abgesehen, wer mir bereits beim ersten flüchtigen Kontakt mit dem Arm ins Gesicht fährt, ist sowieso nichts für mich.
Nach etlichen Stationen war ohnehin alles vorbei und die Massen, die mich vor wenigen Sekunden noch unendlich bedrängten, schoben sich wie eine galertartige, blubbernde Erscheinung in Richtung Rolltreppen um von diesen gleichmäßig nach oben transportiert zu werden. Mitten drinnen der kontaktfreudige Jüngling, vermutlich auf der Suche nach einem neuen Opfer.
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