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Was waren wir nicht für ein geniales Gespann, sie und ich, ich und sie. Wann immer ich in die Tastatur hämmerte, saß sie, meine Muse, unmittelbar in meiner Nähe und flötete engelsgleich in eines meiner Ohren um mir den kreativsten aller Wege zu zeigen. Und doch hielt sie sich dabei vornehm im Hintergrund, war niemals aufdringlich oder gar oberlehrerhaft.
Viele Jahre verbrachten wir so, ich tippte und sie flötete mir in eines meiner beiden Ohren. Gänzlich unaufdringlich. Und wo war sie die letzten Wochen geblieben? Wo war das mir vertraute Flöten? Wo waren die kreativen Luftsprünge die sie mir immer wieder in die rege tippenden Finger legte?
Es war ein ebenso verregneter Nachmittag wie heute, wir beide saßen wie schon so oft in den vergangenen Monaten wie ein eingespieltes Team vor dem Monitor und ich tippte und versuchte ihre Ideen so gut es ging zu verwerten. Geduldig blieb sie am flöten, selbst wenn ich den Faden verlor und neu beginnen musste. An diesem verregneten Nachmittag starb sie und lag über viele Tage mausetod am Boden vor dem Computer. Ich schaffte es einfach nicht sie beiseite zu räumen und ließ sie liegen. Täglich ging ich zum Gärtner ums Eck um eine rote, langstielige Rose zu erstehen, die ich ihr in die Arme legte. Die Rose vom Vortag kam stets in den offenen Kamin und wurde dort verbrannt. Durch den Akt der Verbrennung sollte die Rose meine Muse letztendlich dort erreichen wo sie sich neuerdings aufhielt.
Eines morgens, als ich die Rosen austauschen wollte, da war sie fort, meine Muse. An ihrer Stelle lagen zahlreiche Rosenblätter, der Rest der Rose vom Vortag war jedoch verschwunden, da lag kein Stiel, kein Blatt nichts, nur die vom Blütenkopf gezupften Rosenblätter. Was für ein wunderschöner Abschied und ich machte mir allmählich Gedanken wohin mit der toten Muse - nun ging sie von allein.
Wie sie ihren Tod fand?
Dieser verregnete Nachmittag, wir saßen da und komponierten Satz um Satz. Die Vorhänge bewegten sich leicht, immer und immer wieder. Zuerst nahmen wir kaum davon Notiz so sehr waren wir in unseren Kompositionen versunken. Erst als es dunkel wurde und diese plötzliche Dunkelheit alles Licht zu schlucken begann. Erst dann wurde uns bewusst, dass jemand im Raum war der nicht hätte hier sein dürfen. Die Dunkelheit kam auf uns zu und ich konnte wahrnehmen, wie diese meiner Muse Hals umfasste und ihr mit einem lange ausdauernden Druck das letzte Stück Leben entnahm. Das war ihr Ende. Der Schatten verschwand genau so unaufgeregt wie er sich einschlich. Zurück blieb die tote Muse, vor mir am Boden liegend, ihr Gesicht weiß wie die Wand es einmal vor Jahren war.
Seit diesem Nachmittag erschien es mir vollkommen klar, dass es vollkommen zwecklos war mich hinzusetzen um weiter zu machen. Man kann nicht fortfahren und so tun als wäre nichts gewesen wenn man diese Erinnerung in sich trägt. Und es wäre so geblieben, wenn ich nicht eines Nachts durch dieses mir so bekannte Flöten aus den Träumen hochschrecke. Da saß sie nun am Ende meines Bettes, flötete und nickte mir freundlich lächelnd zu. Sie gab mir zu verstehen, dass sie mich nun nicht mehr verlassen würde und kein Schatten dieser Welt uns zu trennen vermag.
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