"Darf ich Sie bitten, dass Sie auf unsere Sachen aufpassen? Sie sehen so vertrauenswürdig aus."
Ich befinde mich auf der Fahrt von Villach nach Wien, Erste Klasse, in einem Großraumwaggon und erlebe soeben eine Begegnung der bemerkenswerten Art.
Ich blicke stark nach rechts, visiere den Mann, den ich bereits seit seinem Einstieg aufmerksam beobachte, ruhig an und entgegne, dass er mich nicht kenne und daher überhaupt nicht als vertrauenswürdig einstufen könne.
"Doch, das kann ich durchaus, Sie sehen einem meiner besten Freunde absolut ähnlich."
Was für ein Schwachsinn, denke ich mir und willige ein auf sein Hab und Gut achtzugeben. "Nehmen Sie allerdings alle Wertsachen mit die Sie auf ihrem Tisch liegen haben, die Sonnenbrille vor allem, die kann man im vorbeigehen leicht mitgehen lassen." - So gebe ich ihm noch einige Tipps auf den Weg und er zieht mit seiner weiblichen Begleitung, ich tippe mal auf "Freundin", von dannen um einige Waggons weiter Freunde zu treffen und mit ihnen Kaffee zu trinken.
Als aufmersamer Mensch bekommt man natürlich so ziemlich das meiste von den Abläufen mit, die sich in so einem Großraumwaggon abspielen.
Die alte feine Frau, ich schätze sie um die 78, die bereits 7,- Euro bereitliegen hat um dem Schaffner sogleich den Aufpreis auf die Erste Klasse zu zahlen. Den seriös wirkenden, jungen müden Mann im dunklen Anzug, der bereits seit seiner Ankunft schläft. Und eben die beiden ...
Ein auffälliges Paar, er um die fünfundfünzig Jahre alt, Marke Architekt oder so, mit Schirmkappe, sie um die vierzig, sportlich modern, teuer, gekleidet. Zumindest sieht es kostspielig aus, aber wer weiß. Eine Kombination an Outfit als wären Sie soeben vom Golfspiel heimgekehrt.
Beim Einstieg schleppen sie sich mit riesigen Koffern Marke Luis Vuitton ab. Zugegeben, tolle Koffer, aber denkt denn niemand dieser Koffer-Marken-Träger an das Image, das er da mit sich trägt? Männer sind damit automatisch schwul, alleinstehende Damen schleppen in der Regel damit einen Teil ihrer Trophäen aus längst verflossenen Beziehungen mit sich, mittelalterliche Herren mit jüngeren Freundinnen wirken damit einfach nur dekadent und signalisieren damit unbezwingbare Potenz. Finanzieller Natur selbstverständlich.
Er wuchtet beide Luis Vuitton-Dinger in die Ablage und lässt sich mit ihr auf die reservierten Plätze sinken, entnimmt einem Bahnhofkioskplastiksack an die vier Kilogramm Magazine und Tageszeitungen und beginnt augenblicklich zu lesen.
"Kannst Du mir bitte die Brigitte geben?" Sie blickt ihn an, er sieht von seiner Lektüre kurz auf und übergibt ihr wortlos wonach sie verlangt.
Vorne trägt er eine Lesebrille, hinten eine gegen Sonne. Das trug ich so, ohne Lesebrille, vor ungefähr zwanzig Jahren. Es wirkt irgendwie verjährt.
Der Mann tut in seiner gesamten Erscheinung weh, denn es ist von allem zuviel vorhanden.
"Das ist die Karte für den Wagen." Mr. Luis Vuitton gibt dem Schaffner seine Fahrkarten und vergisst nicht darauf hinzuweisen, dass sein Auto das einzige ist, das hinten, am letzten Waggon verladen ist.
Wir sind ein Autoreisezug.
"Wissen Sie, wir fuhren am Wörthersee eine Oldtimer Ralley und dabei ging unser Auto kaputt."
"ES IST EIN PORSCHE ROADSTER!!"
Ich kann es schon nicht mehr hören. Endgültig zur Salzsäule erstarre ich als er dem Schaffner erklärt, dass er sogar einen Preis erhielt und er zögerte keine zwei Sekunden, holte aus einer seiner Taschen eine Marmortafel hervor und wies darauf hin, dass es sich um eine Medaille auf Marmor handle. Selbiges erzählte er noch einmal in späterer Folge am Telefon.
Ich konnte mittlerweile lautlos, nur die Lippen bewegend, wie in ein Playback einsteigen und seinem telefonischen Vis a Vis als voll funktionstüchtiger Stellvertreter Auskunft erteilen. Den Schaden am Auto und die defekte Zündung, den vielen Regen, und alles über den erhaltenen Preis, die Marmortafel mit Medaille.
Und ja, die Stimmung war trotz des Schadens wirklich ausgezeichnet, gestern Abend waren wir noch im Casino zu einem Empfang eingeladen. Grüß dich servus, baba.
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