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Von hinten ganz normal E-Mail

photocase.de__ejderha_44q8mqaa2.jpgEs gibt Sonntage an denen meine ehrenamtliche Tätigkeit keinesfalls wahnsinnig auffällig verläuft. Es wird von mir das getan was ich am Sonntag zuvor tat und an dem davor. Es klingt wie Routine, ist es aber doch wieder nicht, aber auch nicht böse aufregend. Und an manchen Sonntagen passieren Begegnungen die mich so rasch nicht mehr auslassen, die mich immer wieder an das denken lassen, was ich sprach, hörte oder sah.

Heute ging ich einige Male an einem Zimmer vorbei und wenn ich hinein sah, saß eine alte Dame mit weißen Haaren, leicht gebäugt an einem Tisch und rührte sich kaum. Mehrmals ging ich vorbei um beim X.ten Mal doch das Zimmer zu betreten und der alten Dame einen Besuch abzustatten. Ich stellte mich vor und sie hörte es nicht. Sie meinte sie wäre entsetzlich schwerhörig. Also versuchte ich es wesentlich lauter, sehr bemüht nicht hysterisch zu klingen und noch immer Freundlichkeit zu transportieren.

Was ich von hinten nicht sah und mich einigermaßen überraschte war der Umstand, dass ihr linkes Auge zwar da war, aber sichtlich blind, der Augapfel verhältnismäßig offen in ihrem Gesicht lag und neben dem Augapfel, zwischen ihm und der Nase ein großes Loch klaffte in das ich verhältnismäßig weit in den Kopf blicken konnte. Ein nicht alltäglicher Anblick. Ich war etwas irritiert und konnte, während ich mit dieser Frau spach, meinen Blick nicht mehr von dem was ich sah abwenden.

Das ging so lange, bis ich mir selbst sagen musste, dass es sich hier wie im Leben draußen verhält. Ich kann mich in diesem Fall für das Schönere entscheiden oder für das Unangenehme. Ich entschied mich für das Schönere und blickte fortan nur noch mit festem Blick in das gesunde Auge der Dame. - Und um das Unangenehme nicht zu vergessen, suchte mein Blick immer wieder neugierig die nässende, leicht eiternde offene Wunde auf.

Es sei ein Basaliom, also ein weißer Hautkrebs, meinte sie auf meine Frage hin was sie denn hätte. Wir unterhielten uns sicherlich eine halbe Stunde. Dann meinte die alte Dame, sie wäre jetzt etwas müde und ich möge ihr wieder etwas Ruhe schenken. Später sah ich sie noch einmal und sie bestellte sich zum Abendessen nur eine Tasse sehr heiße Milch und etwas trockenes Brot. Die Milch müsse deshalb so heiß sein, weil sie von sich aus keine Wärme mehr produzieren könne, also müsse sie diese mit der heißen Milch zuführen. - Im Zimmer hatte es geschätzte 28 Grad, aber die alte Dame spürte diese nicht und war bekleidet wie im tiefsten Winter.