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Von der Endlichkeit des Lebens |
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Es gibt ja Menschen unter uns, die fest der Ansicht sind ewig zu leben und sie verschreiben sich unbedacht ihrer erdachten Unendlichkeit. Zumindest legen sie alles darauf an, den täglichen Ärger, den Frust und die Blindheit mit der sie meist mehr oder weniger gekonnt durchs Leben gehen und oft dabei ganz auf die Lichtseiten des Daseins vergessen. Denn aufmerksam hinsehen kann man ja später auch noch. Falls man dazu kommt und im Stress der Pension nicht wieder ganz darauf vergisst.
Aufregungen gibt es genügend im Leben, bedenkt man die Endlichkeit, schrumpft jedes einzelne, dieser verzichtenswerten Ereignisse zur Bedeutungslosigkeit par excellence.
Sie werden sich vielleicht fragen wie ich heute ausgerechnet zu diesen Gedanken komme.
Wenn man vor dem Grab eines Lebensmenschen steht, konkret passierte mir das heute Nachmittag, dann fällt einem plötzlich unter anderem sehr viel zur Endlichkeit des Lebens ein. Und es hat geschmerzt. Mir fehlt die Übung vor Gräbern von mir lieben Menschen zu stehen. Zum ersten Mal sehe ich das kleine Grab, es ist ein Urnengrab, die Tafel an der Friedhofsmauer, die den Grabstein ersetzt. 17.12.1914 - 10.12.2006, Freya Beck, mit einer kleinen, schön gearbeiteten, metallenen Tulpe darauf. Tulpen mochte meine Großmutter immer sehr und wenn man sie erfreuen wollte, brachte man am besten einen Strauß Tulpen mit. Sie machte liebend gerne darauf aufmerksam wie sehr Tulpen, selbst im abgeschnittenen Zustand, noch mit ihrer Umwelt zu kommunizieren imstande sind. Ist es hell und warm, gehen sie wahnsinnig auf, ist es kühl und etwas dunkler, bleiben sie in ihrer typisch geschlossenen Form, wie sie jetzt auch auf ihrer Grabplatte zu sehen ist.
Es ist ein merkwürdiges Gefühl vor einem Grab, den Überresten eines Lebensmenschen zu stehen und dabei in Permanenz von Blitzlichtern der Erinnerung getroffen zu werden. Lachend umarmen wir einander, wir arbeiten gemeinsam im Garten, pflücken Himbeeren und kochen das geliebte Rhabarber-Dessert, das sie aus ihrer Zeit in Norwegen mitbrachte. Ich bin nicht in der Lage alles zu durchdenken, was sich innerhalb von wenigen Sekunden, einer Supernova gleich, in meinem Kopf breit macht und gesehen werden will. Das Gefühl der unendlichen Trauer macht sich in mir breit, Tränen kullern meine Wangen hinab und ich weiß, der erste Besuch am Grabes eines Lebensmenschen ist ein weiterer Abschied auf seinem, unserem gemeinsamen Lebensweg. Es ist doch interessant, wie oft man sich nach dem Tod eines liebgewonnen Menschen von ihm zu verabschieden hat. Mehrere Male habe ich mich bereits von meiner Großmutter verabschiedet und wenn ich augenblicklich so in mich hineinhöre ist es mir gewiss, dass es noch nicht das letzte Mal gewesen sein wird.
Wir vollendeten den Spaziergang am Feistritzer Friedhof, Feistritz, so heißt der Ort an dem ich meine Kindheit verbrachte. Zumindest den glücklichen Teil meiner Kindheit. Hier fand ich Ausgleich, Liebe und Anerkennung und nun stehe ich vor den sterblichen Überresten des Menschen, der mir das alles hat zuteil werden lassen.
Vielen Dank liebe Omi, solange ich lebe, lebst Du durch mich, meine Gedanken und Taten weiter und vielleicht sehen wir einander ja wieder, in einer anderen Welt oder einem anderen Leben.
Lebe wohl!
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