header image
Home arrow Blog arrow In-Location
In-Location E-Mail

photocase_de_max.v_772395162.jpgDie Drinks sind in Ordnung, über die Preise könnte man noch etwas streiten aber, dass einem beinahe ununterbrochen Fledermäuse äußerst knapp um die Ohren zischen, daran kann man sich beim besten Willen nicht gewöhnen. Erstens wirken die Dinger in ihrer extremen Fluggeschwindigkeit beängstigend, schließlich hat jeder von uns die Panik mit einer der fliegenden Mäuse zusammenzukrachen, zweitens ist der Umstand außergwöhnlich, dass es sich ausschließlich um unpigmentierte Albino-Fledermäuse handelt.

Wir befinden uns am Siebensternplatz im 7. Wiener Bezirk, geschätzte 10 Meter unter der Erde. Gäbe es hier eine U-Bahn, würde sie vermutlich da drüben zwischen der Theke und dem Aufgang zur Toilette durchrattern. Wir stehen vor einer ungepflegten Fassade mit der Aura eines ramponierten Abruchhauses. Ganz links befindet sich eine abgeschmierte Eingangstüre, wir klopfen wie uns empfohlen wurde, einmal ganz laut, dreimal leiser und nochmals ganz laut. Die Türe öffnet sich, dahinter steht ein Gothic-Clown und lässt uns ein um uns sogleich je 10 Euro an Eintrittsgeld abzuknöpfen. Ich denke mir noch, wird wohl zum Erhalt der Fassade gedacht sein und gebe ihm wortlos aber leicht angewidert den Schein.

Danach winden wir uns über eine verhältnismäßig enge Treppe die geschätzten 10 Meter hinunter in den Wiener Untergrund. Nichts lässt hier an diesem Abgang darauf schließen, dass in den vergangenen 100 Jahren auch nur irgendwann mal restaurationstechnisch an den Erhalt der baulichen Substanz gedacht wurde. Die Mauer ist von der ständigen Feuchtigkeit so aufgeweicht, dass man mit dem Zeigefinger zwischen den Ziegelsteinen ganz tief hineinbohren kann. So nimmt jeder von uns etwas altes Gemäuer unter dem Fingernagel mit hinunter ins Lokal. Es sieht aus wie eine Mischung aus Lederlokal, verruchtem Animierlokal, Gothic-Kneipe oder abgedunkelter New Yorker U-Bahn-Station. Das Licht ist stark gedimmt und wir müssen uns erst an die schemenhaften Umrisse gewöhnen um sie nach und nach vollständig zu rekonstruieren. Einzig die vielen Kerzen an sporadischen Hotspots aufgestellt, einzig diese erhellen ihre unmittelbare Umgebung so stark, dass wir uns durch den Lichtschein bald müheloser orientieren können.

Würde uns jemand sagen, dass es sich bei den anwesenden Gesellen ausschließlich um Untote handelt, wir würden sofort kräftig nicken und feststellen, wir hätten es sofort bemerkt. Viel Leben findet in den meisten Körpern nicht statt. Sie sitzen, stehen, rauchen, blicken stumpf vor sich hin, blicken zu uns herüber, wieder vor sich hin. Stille.

Die Fledermäuse brechen die Szenerie auf und bewegen sie in einer unpassenden Geschwindigkeit. Einer der Gothics nimmt sein leeres Bierglas, hält es hoch über den Kopf, fängt damit eine der Albino-Mäuse und stellt das Glas verkehrt am Tresen vor dem er steht auf. Die Fledermaus sitzt im Glas, fiept, man kann es jedoch durch das Glas nur sehen, nicht hören, er lächelt kurz, hebt das Glas und entlässt sie wieder in die Freiheit.

Dort unten scheint die Zeit vollkommen still zu stehen, nur an den zur Neige gehenden Drinks und den verpafften Glimmstengeln reibt sich die auch in diesen Gemäuern innewohnende Vergänglichkeit. Allemal eine strange Location und immer wieder einen Besuch wert.