Sie war wohl mit Bestimmtheit die kürzeste aller meiner Bekanntschaften. Es reichte gerade einmal für eine Vorstellung, nämlich den Austausch von Namen und einige neugierige Blicke, zu einer weiteren Vertiefung kam es nicht mehr.
Die Kürze unserer Bekanntschaft lag wohl in den unfassbaren Abhängigkeiten meines Gegenübers. Der Platz wurde ihm gewählt, er wurde neben mich gesetzt und sah mich an. Ich sah ihn an und ich stellte mich ihm kurz und artig mit den Worten vor: „Ich heiße Peter, wie heißt Du?“ Meine Frage blieb jedoch unbeantwortet, er blickte zum Fenster hinaus, zeigte mit dem Finger nach oben und meinte nur „Wolken“. Um die Konversation nicht im Keim ersticken zu lassen, erwiderte ich: „Ja, die Wolken sind heute wunderschön.“ Das war es aber dann auch. Als seine Mutter zurückkam, stellte sie ihn auf meine neuerliche Frage hin als Adrian vor. Nachdem es in unmittelbarer Nähe wesentlich mehr Platz gab, zog es Adrians Mutter vor, doch noch einmal den Platz zu wechseln. Als sie mein Bedauern merkte, stellte sie zwar kurz eine Fangfrage mit dem Inhalt: „Oder sollen wir doch lieber hier bleiben?“ Die Frage verneinte ich allerdings offenherzig und heftig kopfschüttelnd, denn es ist mir ja doch bekannt, wie quengelig Kinder nach einigen Stunden Fahrt werden können. Dem wollte ich mich keinesfalls sehenden Auges ausliefern. Immerhin schätze ich Adrian erst auf maximal eineinhalb.
Und wer glaubt Erste Klasse zu fahren wäre heutzutage noch immer eine Frage der Exklusivität, der irrt. Erhoffte Exklusivität findet sich höchstens im Preis wieder, nicht jedoch in der erwarteten Stille, Leere und Ruhe. Gut, die Sitze dürften feiner sein und etwas mehr Platz bieten, ansonsten sind die Annehmlichkeiten im Verhältnis zur Zweiten Klasse nahezu erschöpft. Demnach müsste man nochmals 15 Euro aufzahlen um in die Business Klasse zu kommen, in der man höchstens zu viert pro Abteil sitzt und man sogar einen Welcome-Drink zu erwarten hat. Doch, und hier tut sich das nächste Problem auf, wer glaubt, dass jeder Zug automatisch über eine Business Klasse verfügt, der irrt. Davon abgesehen ist Business dann schon so teuer wie fliegen. Das heißt, mit zahlreichen Billigfliegern bewegt es sich maßlos günstiger, besagter Vergleich gilt auch für die Erste Klasse. Denn 82 Euro Wien-Villach-Wien ist heute ja in der Tat keine Okkasion. Und manche fliegen um dieses Geld ja beinahe schon in Urlaub.
Ich höre übrigens Adrian bereits rebellieren, ich vermute die Reise dauert ihm zu lange.
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