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Ich starre meinen Vorgesetzten an und verstehe nur Bahnhof. Um meinen verstopften Geist durchzuputzen, stehe ich von meinem Stuhl auf, setze mich im Schneidersitz, aufrecht vor ihm auf den Teppichboden, falte die Hände, schließe die Augen. Nach wenigen Sekunden hole ich tief Luft und intoniere ein langes, gleichmähßiges "OOHHMMMM", so wie es mir in meinen unzähligen Yoga-Stunden von Elisabeth gelehrt wurde.
Ich öffne erneut meine Augen, blicke unmittelbar in das Gesicht meines Chefs. Natürlich ist er verwundert, andererseits kennen wir einander seit mindestens 120 Jahren und sind uns wahrlich nicht neu. Er setzt neuerlich an und spricht zu mir. Ich nehme die Lippenbewergungen wahr, höre jedoch nichts außer ein Todband ähnliches sprachliches Geräusch als würde es mit vermindeter Geschwindigkeit abgespult werden. Ich klopfe sanft auf den Tisch um die Ist-Geschwindigkeit zu verdrängen und die Soll-Geschwindigkeit wieder ins Lot zu bringen. Vollkommen erfolglos. Es muss also doch an seiner Energieversorung liegen.
Ich stehe auf, trete hinter meinen Chef, drehe am linken Ohr, er zuckt ein, zwei Mal um in der Letztbewegung starr zu verharren. Dann ziehe ich sanft an seinen Scheitelhaaren, öffne die Schädeldecke und nehme den Akku vorsichtig heraus. Diesen deponiere ich, wie schon einige Male zuvor in seinem Kasten, nehme die neue Ladung um sie fachgerecht wieder einzusetzen. Dann drehe ich sanft am rechten Ohr, erneut zuckt sein Körper und ehe er sich wieder im Online-Betrieb befindet, sitze ich vor ihm, lächle verbindlich und nicke erfreut.
"Genau das war auch meine Idee."
Höre ich mich sagen und schlage vor, dass wir schon morgen damit beginnen. - Eine Idee gab es natürlich nicht, aber er wollte sich nicht die Blöße geben es nicht zu wissen und nickte nur. Das tat er immer nach einem Reload, denn er konnte sich nie an das zuvor Vergangene erinnern und versuchte es durch kompetentes Nicken wegzuschieben. Um Verbindlichkeit zu zeigen, nicke ich jeweils zurück, das lernt man in jedem Seminar in dem es darum geht Chefs zu verstehen, ich verstärke also mein Nicken und mit einem leichten Lächeln erhebe mich von meinem Platz. Ohne ihm den Rücken zuzukehren schreite ich in Richtung Türe, lächle nochmals, hebe während dem Öffnen der Türe die rechte Ratio-Hand um Dynamik zu zeigen und verschwinde wieder.
Es fällt ja sonst niemandem auf, aber ich mache mir seit einigen Wochen Sorgen um seinen Akku. Die Laufzeiten nehmen Tag für Tag ab und außerdem ruckelt er immer wieder bedenklich. Vielleicht sollten wir ihn bei Gelegenheit mal einschicken und überprüfen lassen. Dabei sicherte man uns damals noch zu, dass diese BETA-Version absolut ausgereift sei. Heute zweifle ich daran und es wäre mir wohler, hätten wir damals tiefer in die Tasche gegriffen und das ausgereifte Modell erstanden. Es wären sogar drei Anzüge gratis dabei gewesen.
Unlängst stand er tatsächlich am Gang, direkt an der Wand und versuchte eine Türe zu öffnen wo sich allerdings keine befand. Wie will man nun einem Chef erklären, dass sich genau hier keine Türe befindet. Ich versuchte es damit, dass ich meinte diese Türe sei seit meiner Existenz in der Firma verschlossen, er solle doch besser die andere nehmen und zeigte dann auf eine tatsächliche Türe. Er ruckelte kurz, nickte wissen und ging weiter um die von mir empfohlene Türe zu öffnen. Das war allerdings die Müllrutsche, das konnte allerdings ich wieder nicht wissen. Ich möchte nun nicht extra ausführen wie mein Chef aussah, als wir ihn von der Hausverwaltung wieder ausgraben ließen. Mein Buddha, da hatten wir einiges zu putzen. Aber nun funktioniert er wieder prächtig und durch den anschließenden Akku-Wechsel konnte er sich an nichts mehr erinnern.
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