header image
Home arrow Blog arrow In der Anderswelt
In der Anderswelt E-Mail

photocase_de_rolleyes_uctz5xd22.jpgAls Psychotherapeut  bin ich es gewohnt ständig Grenzgänger zu empfangen, um mit ihnen auf Reisen zu gehen. Anfangs bestimmen sie wo es lang gehen soll und dann lenke ich sie sanft in die Bahnen der erhofften Besserung, in Bahnen der Erkenntnis. Die meisten wissen meine Dienste zu schätzen, manche stehen auf, spucken mir ins Gesicht und waren nie wieder gesehen oder machen es in der nächsten Woche nochmal. Letzteres kam Buddha sei Dank nicht oft vor. Aber so wie ein Busfahrer in Gefahr gerät einen Unfall zu verursachen indem ihm ein Fußgänger vor den Bus läuft, so spuckt man mir ab und an ins Gesicht.

Der Mann mittleren Alters ist bereits länger Klient in meiner Praxis. Er ist klassisch manisch depressiv und leidet wie alle seine Leidensgefährten sehr darunter. Ich nenne keinen Namen, er fällt unter meine Verschwiegenheitspflicht. Der Fall jedoch darf erzählt werden. Wir sehen einander einmal wöchentlich für eineinhalb Stunden und unternehmen eingangs erwähnte Reisen. Sie beschränken sich oft ausschließlich auf das Erlebte der vergangenen Woche mit allen Hochs und Tiefs.

Da er sich am heutigen Tag in einer depressiven Phase befindet, setzt der Mann mittleren Alters mit entsprechend kraftloser Stimme und langen Pausen zwischen den Worten an:

Letzte Woche war ich daran die Welt für mich neu zu erfinden. Ich deutete Ihnen gegenüber ja bereits mehrmals an, dass ich Künstler bin. Ein unentdeckter zwar, aber durchaus ein glücklicher Künstler. Davon abgesehen ruht die immense Sicherheit in mir, dass ich eines Tages entdeckt werde. Dann werde ich auch von meiner Kunst leben können. Ich kaufe mir ein Appartement hoch über den Dächern der Stadt, mit einer Terrasse so groß wie die gesamte Wohnfläche und darauf gibt es einen beheizten Jacussi, in dem ich Prosecco trinkend die Nächte verbringe. Dabei werde ich die Sterne beobachten, zumindest die paar die man durch die elende Lichtverschmutzung hier in der Stadt in der Lage zu erblicken ist.

Wollen Sie wissen was ich letzte Woche gemacht habe? Ich betrank mich bereits am Vormittag des Montag mit 2 Flaschen Prosecco, zog mich aus, bemalte meinen Oberkörper mit Acrylfarben, lief zuerst durch das Stiegenhaus und machte in jedem Stockwerk einen Abdruck. Es sieht gar nicht mal so schlecht aus. Leider ist im Haus bekannt, dass ich male und so dauerte es nicht lange und der Hausmeister war an meiner Türe und machte mich, ich war noch immer nackt, zur Schnecke. Er meinte ich müsse für den Schaden aufkommen. Meine Argumentation, es wäre Kunst und Kunst würde nicht schaden, auf die wollte er nicht einsteigen. Einen Nackten kann man nicht in die Tasche greifen schrie ich ihn an und schlug die Türe zu.

Dann bemalte ich nochmals meinen Oberkörper, in gelben und blauen Linien, ging zum Schlafzimmerfenster und drückte mich gegen die Scheibe. Meine hoch betagte Nachbarin gegenüber lächelte und winkte mir freundlich zu, ich zurück. Sie dachte sicher ich hätte was an, denn normalerweise verschwindet sie so rasch hinter dem Vorhang wie sie gekommen ist. Sie hasst es mich nackt durch die Wohnung laufen zu sehen, meinte sie einmal im Stiegenhaus zu mir. Ich erwiderte, sie solle doch dazu masturbieren. Sie zog ab ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Alte Menschen sprechen nicht gerne über ihre Sexualität und selbst wenn sie es täte, sie würde es mir nicht auf die Nase binden, schon gar nicht im Stiegenhaus.

"Was gibt es sonst noch aus der vergangenen Woche zu berichten?" unterbreche ich mein Gegenüber.

Einmal machte ich den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tag. Ich zog mir Kleider meiner Mutter an, die vermachte sie mir als sie starb, und begann in den Kleidern ein Bild zu malen. Nachdem sie eine schreckliche Malerin war, in Wahrheit konnte sie nicht malen, war das begonnene Ergebnis einfach nur banal. Darauf hin wurde ich entsetzlich zornig und Sie meinten doch, wenn es mich überkäme und ich entsetzlich zornig werde, dann soll ich keine Gegenstände mehr klein schlagen, sondern drei lang anhaltende "OOOHHMM" singen. Das tat ich dann auch. Ich stellte mich in die Mitte des Zimmers, direkt auf das am Boden liegende Bild und sang. Bis die Nachbarn gegen die Wände hämmerten, denn es war 3 Uhr nachts. Das war mir allerdings egal und ich vollendete meinen Gesang und fühlte mich viel besser. Ich nahm das Bild, legte es auf einen anderen Platz, zog das Kleid meiner Mutter aus, wurde künstlerisch wieder ganz ich und pappte alles auf die Leinwand was ich in der Küche finden konnte. "Eat Art" verstehen Sie? Das war echte "Eat Art". Das Ergebnis ist grandios, ich muss es fotografieren und ihnen mal zeigen.

Nach eineinhalb Stunden mache ich den Mann mittleren Alters darauf aufmerksam, dass unsere wöchentliche Einheit vorüber wäre. Er meinte er hätte noch viel mehr zu erzählen. Ich schlug ihm vor es in sein Tagebuch zu schreiben und mir eine Kopie davon mitzubringen. Dazu willigte er ein.