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Die Frau mir gegenüber sieht mich mit großen und nicht minder neugierigen Augen an und frägt mich unvermittelt "Sagen Sie Herr Peter, sind sie morgen auch wieder hier?" Die Frage musste ich mit einem klaren "NEIN" beantworten, denn ich bin Montag nie im Haus, Dienstag auch nicht, immer nur an Sonntagen, einmal die Woche, für rund 4 Stunden.
Die mich mit ihren Blicken fixierende Frau zieht die Augenbrauen sehr weit hoch, seufzt tief und behält ihre Gedanken für sich. Und doch ist mir vollkommen klar, dass eine Woche ein ganzes Leben bedeuten kann. Das Ende, den Anfang, selten die Mitte. Wenn ich heute einige Stunden mit ihr verbringe, ist es alles andere als gesichert, dass wir einander nochmals sehen werden. Eine Woche ist lange und für Menschen, die längst austherapiert sind, ist jeder Tag ein Geschenk, so sie schmerzfrei sind, denn nur dann sind sie in der Lage jeden weiteren Tag vielleicht als ein Geschenk zu betrachten. Es gibt auch solche, die jeden zusätzlichen Tag als unendliche Last empfinden und es kaum erwarten können endlich durch das viel gepriesene Tor des Lichts zu schreiten um eventuell diejenigen wieder zu sehen die längst dort sind.
"Sind sie morgen wieder da Herr Peter?"
Mit dieser einfachen Frage sind unendlich viele Hoffnungen verknüpft. Hoffnungen auf ein längeres, tiefer gehendes Gespräch, die eine oder andere verbindliche und vielleicht sogar liebevolle Geste, den einen oder anderen Hilfsdienst. 7 Worte die unendlich aufgeladen sind, aufgeladen mit Hoffnungen, Empfindungen, Versprechen, Erwartungen und vielem mehr.
Und wir wissen es beide nicht, ob wir einander in einer Woche noch einmal sehen werden. Ob wir noch einmal einige Zeit mit einander verbringen, lachen, nachdenklich sind, träumen, schweigen. Ihre Kraftreserven können noch für mindestens 2 kaum 3 Wochen reichen. Aber wer weiß das schon so genau. Sie könnte durchaus auch schon in dieser Woche für immer los lassen und hinüber gehen, durch das Licht in eine andere Welt. Sie bezeichnet das Hospiz als "einen Himmel", weil man hier so liebevoll umsorgt wird und doch sei sie schon neugierig wie es denn "dort" sei.
Und eigentlich wollte sie noch bis zur Matura ihres einzigen Enkels hier bleiben, die findet aber leider erst in zwei Jahren statt.
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