|
Straßenbahn-Bekanntschaft |
|
|
Neulich stehe ich im ersten Bezirk an einer Straßenbahnhaltestelle und warte auf das nächste Transportmittel. Wie es so ist, sehe ich mir die umliegenden, noblen Häuser an, die vorübereilenden, abgehetzten Passanten und zuletzt auch die wartenden Leidensgenossen.
DIE kenne ich, denke ich mir und durchblättere mein Zentralarchiv nach prominenten weiblichen Namen. A ... B ... K ... L ... S ... T ..., ach hier ist sie Tobisch. In Wirklichkeit heißt sie ja viel feiner: Lotte Tobisch von Labotyn. Kein Mensch weiß mittlerweile mehr, dass sie einmal Schauspielerin war und sogar in der Burg aufgetreten ist. Unsereiner hat sie ausschließlich als Opernball-Dame kennen und schätzen gelernt. Die Tobisch war unterhaltsam. Wesentlich unterhaltsamer als die resche Frau Gürtler vom gegenüberliegenden Sacher.
Soll ich sie nur ansehen oder vielleicht doch ansprechen? Ich entscheide mich natürlich für letzteres und gehe auf sie zu, stelle ihr gegenüber fest, dass die Straßenbahn wohl auch ewig auf sich warten ließe und wohin sie den fahre.
Lotte Tobisch blickt mich über den oberen Brillenrand an, mustert mich und ist offensichtlich bereit sich mit mir zu unterhalten.
"Ich stehe schon geschlagene 10 Minuten hier und warte, wird wohl wieder irgendwo ein Unfall passiert sein. Wie lange warten Sie schon? Kennen wir einander eigentlich? Sie kommen mir so bekannt vor."
Ich verneinte und murmelte etwas von wegen einiger geschriebener Bücher und so. Wenn ich sie schon vor mir habe, dann möchte ich wissen was sie von der neuen Opernball-Dame hält, Frau Treichl-Stürkh.
Sie scheint auf die Frage gewartet zu haben und sprudelt los:
"Die kenne ich leider nicht, aber sie macht einen ausgesprochen erfrischenden Eindruck. Außerdem wird es nicht schaden wenn sie wirtschaftlich absolut unabhängig ist und keine Gäste in ihrem nicht vorhandenen Hotel unterbringen muss. Bei der Frau Gürtler hat man ja nicht gewusst was ihr wichtiger war, der Opernball oder das Hotel Sacher. Also mit ihr konnte ich ja nie, sie hat immer nur gezickt. Wissen Sie, ich kann mit so verbissenen Weibern nicht und sie ist so eine. Und diese Selbstinszenierung. Das war ja zu meiner Zeit alles sehr harmlos, außerdem macht man ja nur mit was man mitmachen will. Und ich wollte mich nie von den Medien ausnehmen lassen. Aber sie profitiert natürlich ungemein davon mit ihrem Geschäft. Verkauft ja jährlich mehr Torten die Gute. Ich hatte da überhaupt nichts zu vermischen. Ich war immer nur ich. Eine Schauspielerin in Pension."
Ich unterbrach sie kurz und schob noch rasch das Stichwort "Holender" nach. - Zu gut wusste ich, dass die beiden zum Schluss nicht mehr miteinander konnten.
"Ach gehns, es wird an der Zeit, dass dieser Mann in Pension geht. Wir konnten uns ja überhaupt nicht mehr leiden. Das war für mich auch der Grund zu gehen. Ich mag keine Disharmonien in der Arbeit und natürlich will auch ich, dass mein Tun geschätzt wird. Gezahlt wird ja ohnehin viel zu wenig, dann soll es wenigstens von der Anerkennung her passen. Finden Sie nicht? Ich bin dann sehr gerne gegangen und habe mir das ganze von meiner Wohnung ums Eck sozusagen angesehen. Man braucht ein bissl Abstand und muss halt auslassen können, aber wenn man dann mal mit dem Kopf von der ganzen Sache weg ist, dann sieht man erst, was für ein entsetzliches Theater das ganze überhaupt war. - Sie ich glaube jetzt kommt unsere Straßenbahn. Habens noch einen schönen Tag. Auf Wiedersehen, war ausgesprochen unterhaltsam jetzt mit Ihnen. Auf Wiedersehen."
Aus meiner Sicht verlief das Gespräch einfach zu glatt und die Dame war mir verdächtig auskunftsfreudig. Nun, während ich diese Zeilen schreibe, hege ich sogar den Verdacht einer Hochstaplerin aufgesessen zu sein und niemals ein Gespräch mit der wahren Lotte Tobisch von Labotyn geführt zu haben. Allerdings vom Outfit und der Grandessa hätte es allemal gepasst.
|