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Tempo, Tempo E-Mail

photocase_de_mys_b4b7se492.jpgSelten traf ich eine Person die so viel rascher war als ich, noch dazu auffällig rascher. So auffällig, dass es mir bereits im ersten Gespräch mit ihr auffiel. Sie atmete rascher, blickte rascher um sich, nestelte wesentlich rascher mit ihren nervösen Fingern an sich herum als ich und ja, sie übertraf mich in allem mit ihren unendlichen Geschwindigkeiten.

Die Sprache ist von Agnes Husslein, der resoluten Frau Direktor des Belvedere in Wien. Immer einen Hofstaat nach sich ziehend, fegt sie durch ihr Haus und hält Hof oder sorgt zumindest dafür, dass sich ihre 190 Mitarbeiter regelmäßig erschrecken. Ihr Leitspruch ist "Alles muss die Frau Direktor selbst machen." Dass es ob ihrer Geschwindigkeit ist, weil sie eben die Dinge früher sieht und durch ihre unendliche Ungeduld nicht in der Lage ist zu warten bis selbiges anderen auffällt, darauf kommt sie nicht oder wird durch ihre Ungeduld erfolgreich daran gehindert.

"Alles muss die Frau Direktor selbst machen."

Und wenn es sich nur um einen auffällig laut knarrenden Stuhl handelt von dem man als Gast aufsteht. Sie weiß sofort, dass man irgendwo am Holz einen Filz einziehen muss. Und weil die Mitarbeiter es nicht erkennen und wenn doch, viel zu langsam sind, wird sie es abends auf den Knien hockend eben selbst erledigen. Es wird sowieso nichts daraus, wenn man es anderen überlässt. So weiß man wenigstens, dass es hält und eine Arbeit von ordentlichem Wert ist.

"Sind Sie eigentlich wirklich zu Ihren MitarbeiterInnen so böse wie man es immer wieder hört und liest?"

Sie funkelt mich an und mir scheint die Frage schon jetzt respektlos überzogen. Andererseits war es mir ein Anliegen aus erster Hand oder vielmehr aus erstem Munde zu erfahren wie es darum bestellt ist. Angeblich verlangt sie von Ihren MitarbeiterInnen das Letzte ab und ist erst dann zufrieden, wenn diejenigen mit heraushängenden Zungen jappsend den Erfolg rapportieren.

"Böse? Ich fordere von meinen MitarbeiterInnen ALLES! Wer mit mir arbeiten will, der muss einfach auf Zack sein und mindestens 120 % leisten. Dafür eile ich voraus und leiste mindestens 150 %. Im übrigen, vergessen Sie was über mich in den Medien zu lesen ist. Das ist Boulevard, nicht mehr, alles erstunken und erlogen."

Agnes Husslein entdeckt während unseres Gespräches in ihrem Büro am edlen Teppich eine ungefähr 1 cm herausgezogene Schlaufe, die sie entrüstet und nicht minder spontan schrill werden lässt.

"Hat denn noch niemand diese Schlaufe hier gesehen? Muss der Teppich, dieser sündteure Teppich wirklich noch ganz ruiniert werden bis jemand darauf aufmerksam wird?"

Zur allgemeinen Verwunderung rutscht Frau Direktor sanft aber bestimmt mit geradem Rücken vom Stuhl, geht vor allen in die Knie, moppelt zur Schlaufe und beginnt diese von der umgeschlagenen Seite des Teppichs wieder an ihren angestammten Platz zu ziehen.

"Dafür lohnt es sich ordentliche, stabile Fingernägel zu haben."

Sie nestelt weiter, wirft den Teppich wieder zurück und streicht begeistert über die reparierte Stelle.

"Sehen Sie... hätte ich das meinen Mitarbeitern überantwortet, dann hätte es Geld gekostet und wahrscheinlich viele Wochen gedauert bis die Schlaufe wieder hineingezogen wäre. - Alles muss die Frau Direktor selbst machen."

Am Ende des Gesprächs war ich mir ganz und gar nicht sicher ob es Frau Direktor Husslein persönlich war, mit der ich das Gespräch führte oder ob mir eines der neuen, perfekt inszenierten Hollogramm-Decks auf unserem neuen Raumschiff die Situation so vorgaukelte, dass ich glauben konnte dieses Gespräch tatsächlich geführt zu haben. Who knows.

Sorry: Aus gründen der äußersten Diskretion ist es mir keinesfalls möglich das Rätsel vor Ort zu lösen.