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Bahnhofschreiber E-Mail

photocase_de_complize_yy5ng72s2.jpgIn Südamerika gibt es auf manchen Bahnhöfen Damen und Herren die hinter einem Tischchen sitzen und Briefe schreiben die man ihnen diktiert. Sie schreiben Liebesbriefe, Briefe an Ämter oder richten Zeilen voller Hoffnung an einen lieben Verstorbenen, Zeilen die anschließend in einem Ritual verbrannt werden. Sie nehmen einem für wenig Geld ab, was man als gelernter Analphabet niemals lernte, zu schreiben.

Ab und an, wenn ich weiß ich sollte mal wieder einen Blog schreiben, er wird erwartet, dann drehe ich den MAC auf, steige in die Maske für den Blog ein und warte auf rasante Eingebungen. Heute fielen mir die Bahnhofsschreiber ein, denn dort könnte ich einen Blog bestellen um ihn anschließend online zu stellen. Freilich wäre er auf spanisch oder portugiesisch, aber schließlich wäre er geschrieben und online gestellt worden. Mit den bestellten Blog könnte ich sogar in Länder vordringen die mir bisher als Leser verwehrt geblieben sind.

Guten Tag, ich heiße Peter und ich hätte gerne einen Blog. Er soll nicht zu kurz, nicht zu lang, nicht langweilig, eher kurzweilig sein und die Leser zum Lächeln bringen. Das Thema? Och, das ist mir vollkommen egal, vieles war schon da, vieles kann noch kommen, Sie dürfen sich das Thema aussuchen, seien sie kreativ und bringen Sie Geschichten aus Ihrem Land. Der Preis ist ein Einheitspreis oder vom Thema abhängig? Einheitspreis. Dachte ich mir, ist auch irgendwie logisch. Haben Sie schon einmal einen Blog in Auftrag bekommen? Nein? Dachte ich mir, Blogs formuliert man ja doch selbst und lässt sie nicht hier händisch aufschreiben, damit man sie dort mühsam in die Tastatur tippt. Es ist ihr erster Blog, wie interessant. Können Sie sich etwas unter einem Blog vorstellen? Oh, entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie so naiv gefragt habe. - Ich konnte doch nicht wissen. Genau sowas meine ich. Normalerweise schreibe ich ihn allein, nur wenn mir nichts vernünftiges einfällt, dann gehe ich die 1.200 Schritte zum Bahnhof, unterbrochen von einigen Straßenbahnlinien die mir den Weg beschleunigen, begleitet von einigen Tagträumen und dann stehe ich hier vor ihnen und bestelle meinen Blog. Wie schon gesagt, das Thema ist mir egal, Sie haben freie Hand und können sich so richtig austoben.

Einen Liebesbrief? Ja wieso nicht, einen Liebesbrief können sie durchaus formulieren wenn es Ihnen so besser gefällt. Wie gesagt, der richtet sich nicht an eine bestimme Person und wird von vielen gelesen. Das behagt Ihnen nicht und ist unromantisch? Schreibblockade? Aber bitte, jetzt werden sie merkwürdig, ich bezahle sie doch, also beginnen sie endlich, wie lange soll ich noch hier herumstehen? Sehen Sie die Leute hinter mir nicht? Sie warten alle auf Ihre Dienste.

Mangelnde Inspiration für einen Blog? Das hätten Sie mir gleich sagen können, dann hätte ich mir das hier ersparen können.