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Der Winter ist kaum mehr aus den Gliedern zu bringen. Man müsste Yoga im Akkord machen um das kärgliche Bisschen an Gelenkigkeit zurück zu bekommen, das im Sommer noch von einem als gute Norm bezeichnet werden könnte. Jetzt im Winter bräuchte man einen persönlichen Adjudanten der einem auf einem Wägelchen vor sich herschiebt oder vielleicht hinter sich her zieht, je nach Wetterlage oder Tageszeit.
Dieser Adjudant bringt einem das fertige Frühstück ans Bett, holt das leer gegessene Tablett wieder ab und tauscht es mit der aktuellen Tageszeitung aus. Jawohl, in diesem Haushalt wird noch Zeitung gelesen. Selten ein bezahltes Abo, meist über irgend welche Marketing-Lücken erbettelte Exemplare, immer auf einen anderen Namen, damit es nicht auffällt. Die meisten Zeitungskonzerne besitzen ein Abgleichsystem, das allein über den Adressenabgleich verhindert, dass man in ihren Häusern schmarotzt, einige gute Zeitungen sind viel zu fein um das ordentlich zu tun, sie gleichen ausschließlich den Namen ab, nein, nicht maschinell, noch mit der Hand, über die Tastatur. Und sie gleichen nur den Namen ab. Also nenne ich mich Rudolfo Czerzivizian, Ivan irgendwie oder gelegentlich schlüpfe ich in die Haut eines weiblichen Namens, dann meist bieder, nicht fremd klingend, unauffällig bieder.
Der Adjudant bringt also die Zeitung und es wird den halben Vormittag gelesen. Nach dem lesen zwingt einem bleierne Müdigkeit nahezu erbarmungslos nochmals dazu, den Kopf auf den Polster zu legen, um das Gelesene ordentlich einwirken zu lassen. Das dauert nochmals gut eine Stunde. Danach gemeinsame Einkleidung, weil allein im Winter unmöglich machbar. Anschließend stelle ich mich auf die fahrende Plattform und wir düsen damit ins Bad. Dort bringe ich mein Gesicht in Schwung. Selbst dies fällt im Winter um einen Wahnsinn schwerer. Man sollte lebensechte Masken vorschlagen, im Doppelpack. Die müsste man nur aufsetzen, sie passen sich dem eigenen Gesicht perfekt an und das Gegenüber merkt nichts von einer Maske. Bekannte, Freunde würden einen nicht mehr erkennen, außer man gäbe sich ihnen zu erkennen. Praktischer könnte das Leben wohl nicht sein. Im Winter jedenfalls. Es ist also keine dieser Masken vorhanden, unzählige Falten blicken einen über den Badzimmerspiegel an, grinsen hämisch und rufen ganz laut "Wir haben Winter!" Ich verlange nach der Feuchtigkeitscreme, die ist im Winter weniger feucht als im Sommer, im Winter müssen die Fettanteile wesentlich höher, sonst friert das Gesicht ein.
Ich ziehe die Mütze ganz tief ins Gesicht, so kann ich gerade noch sehen wer kommt, aber niemand, dass ich komme. Im Winter halte ich es mit den Kindern, die glauben ja auch, wenn sie ihre Augen schließen, dass sie unsichtbar sind. Also Haube tief ins Gesicht. Anschließend lasse ich mich von meinem Adjudanten 4 Stockwerke hinunter tragen um mich im Parterre auf das Wägelchen zu stellen. So lasse ich mich quer durch die Stadt ziehen. Und weil es so entsetzlich kalt ist, geht es nach einer knappen Stunde wieder zurück, mit einem kurzen Aufenthalt im geliebten Café Kandinsky und annehmlicher Plauderei mit dem geschätzten Besitzer. Dort schmeckt die Melange noch genau so wie vor 20 Jahren. Nicht billig verwässert, mit künstlichen Aromen, auf Kaffee getrimmt.
Anschließend lasse ich mich von meinem Adjudanten die im Winter unüberwindlich erscheinenden 4 Stockwerke hochtragen. Der junge Mann ist von kräftiger Natur, ein ehemaliger Gebirgsjäger. Ein Zivildieser hätte es vermutlich nie geschafft. Das kann ich auch nur deshalb so spontan aus der lädierten Hüfte schießen, weil ich ganz genau weiß was ich rede, schließlich war ich selbst mal so einer, ein Zivildiener. Die können viel, aber so richtig schleppen, das können nur die Gebirgsjäger.
Zeit für ein Nachmittagsschläfchen, schließlich waren wir lange genug an der frischen Luft.
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