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Es gibt eine Frau in meinem Leben die ich noch nie persönlich getroffen habe, mit der ich aber in Summe sicherlich bereits zahlreiche Stunden telefonierte und die mir sehr wohlgesonnen ist. Warum auch immer, vielleicht weil ich ihr zuhöre und das über viele Minuten lang, ohne sie zu unterbrechen - und das ist bei mir sowieso schon eine ziemliche Leistung.
Gertude Schreyvogel heißt die Dame, der Name spricht für sich, denn Frau Schreyvogel liebt es den lieben langen Tag zu telefonieren, das macht sie mit größter Hingabe und mit vielen Firmen. So liebt sie es zum Beispiel auch besonders, alle Zeitungen und Magazine des Landes auf orthografische Unzulänglichkeiten anzusprechen und dabei kann sie sehr hartnäckig sein. Da ich berufsbedingt gelegentlich exponiert bin, entdeckte mich Gertrude Schreyvogel und rief auch mich eines Tages an, das war der Beginn einer mittlerweile rund fünfjährigen losen Bekanntschaft.
Eines Tages sprachen wir über das Aufnehmen von Fernsehsendungen und ich meinte, da wäre ich vollkommen asozial, ich hätte nämlich keinen Videorekorder. Sie meinte wiederum, dass sie 4 Geräte gleichzeitig laufen hätte, weil sie sich nicht an diverse Programmschemata halten wolle. Frau Schreyvogel legt größten Wert auf Individualität und spielt diese Karte des öfteren aus. Tage später landet in meinem Büro ein Bote mit einem großen Paket, darin ein Grundig Videorekorder und eine handschriftlich verfasste Karte mit der Bemerkung:
"Damit Sie in Zukunft nicht mehr asozial sein müssen. Herzliche Grüße Gertrude Schreyvogel." Dazu malte sie ein Männchen, das sehr an den berühmten Asozialen in den Gottfried Kumpf Bildern erinnerte.
Und ich war gänzlich von den Socken, rief die edle Spenderin an und erkundigte mich nach dem wahren Grund der Zuwendung. Dabei meinte sie, sie hätte den Rekorder gewonnen, bräuchte ihn nicht und daher widme sie ihn jetzt mir, damit ich wie schon erwähnt, nicht mehr asozial sein müsse. - Wie nett.
Heute - und das ist der Grund meiner Kurzgeschichte, erhielt ich von Gertrude Schreyvogel eine Dose Sardinen, marokkanischer Provinienz, mit einem Post it auf der Dose:
"Isst unser Staatsoperndirektor jeden Tag zum Frühstück, samt Öl."
Und auf der obligaten Extra-Karte stand noch zu lesen:
"Lieber Herr Beck, und wieder was zum Futtern - gerade recht für diese Hitze - diesmal aber mit einem Gschichterl, das ein Kulturfreak wie Sie unbedingt wissen "muss"! Scharfe Grüße, Ihre Gertrude Schreibvogel.
Die scharfen Grüße muss ich unbedingt noch erklären, um zu vermeiden, dass die beiden Hauptakteuere dieser Geschichte in ein falsches Licht geraten. Die Schärfe bezieht sich auf die Sardinen und auf nichts anderes.
Nachdem ich absolut hungrig war und ohnehin gerade mit mir haderte, ob ich mir nicht in der Kantine ein Frühstück kaufen sollte, kamen die Sardinen gerade recht und ich tat es unserem Staatsoperndirektor gleich. Sie waren absolut lecker.
Zwischen dem Videorekorder und den Sadinen kam sicherlich noch einiges, leider spielt mir mein Gehirn einen Streich und nimmt mir die Möglichkeit der Erinnerung, außerdem ist es ohnehin längst verfuttert, um Gertrude Schreyvogel abschließend zu zitieren.
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