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Guten Morgen E-Mail

photocase_de_chrises_fax886ju2.jpg"Gestern waren Sie noch nicht da. Zumindest habe ich Sie hier noch nie gesehen. Sie kommen mir vollkommen unbekannt vor. Möchten Sie sich mir nicht vorstellen?"
Ich blicke den alten Herrn an der mit einer schwarzen Katze am Schoß vor mir sitzt und diese gedankenverloren streichelt. Dabei sieht er mich mit leicht zugekniffenen Augen an und lächelt unverbindlich. Er lächelt als wäre ich nur als eine Sternschnuppe in sein Leben eingedrungen. Kaum wahrnehmbar. Und doch fordert er mich nochmals auf, ihm meinen Namen zu nennen.

"Wenn Sie hinüber zum Kühlschrank gehen, dann finden Sie darin einen Rest vom gestrigen Kaninchen. Mögen Sie Kaninchen?" Der alte Mann mit der schwarzen Katze am Schoß zeigt mit seinem knorrigen, rechten Zeigefinger in Richtung Kühlschrank. Ich stehe von meinem Platz auf, gehe hin wie von ihm vorgeschlagen und öffne mit einem unmerklichen Ruck die Kühlschranktüre.

"Ich hoffe Sie meinen nicht das mich soeben anwinkende weiße Kaninchen?" Ich blicke den Mann verzweifelt an und kenne mich kaum aus. Wieso in aller Welt sitzt im Kühlschrank ein weißes Kaninchen. Ihm fehlen im übrigen das linke Ohr und das rechte Bein. Und doch scheint es putzmunter und zufrieden zu sein.

"Natürlich meine ich dieses, oder sehen Sie ein weiteres?? Ich hatte nur eines im Kühlschrank und natürlich ist es das weiße Kaninichen. Nun nehmen Sie sich doch ein Stück davon." Das war mit etwas zu viel, ich versicherte dem alten Herrn, dass ich erst gegessen hätte und jetzt keinesfalls Lust auf Kaninchen hätte. Davon abgesehen bin ich zu großen Teilen Vegetarier und hätte gerade in den vergangenen Tagen genügend Fleisch gehabt.

"Nun, dann lassen Sie es bleiben. Von dem Kaninchen kann ich die nächsten Tage noch essen, so viel ist davon da."

Die Katze räkelt sich nochmal genüsslich und springt elegant vom Schoß des alten Mannes. Kaum auf dem Boden gelandet, macht sie einen großen Buckel, verwandelt sich in eine schwarze Krähe und fliegt durch das offene Fenster hinaus auf den nächsten Baum.

"Komm ja rechtzeitig zum Abendessen zurück." ruft ihr der alte Mann mit heißerer Stimme nach. "Frau Rosalia pflegt sich immer zu verspäten. Das kann ich überhaupt nicht leiden. Ich fürchte jedoch, dass Sie sich nicht ändern wird. Ich werde mich also daran gewöhnen müssen oder alleine essen."

Ich erhebe mich etwas verdattert von meinem Sessel, murmle noch, dass ich morgen um die selbe Zeit wieder kommen würde und gebe dem alten Herrn flüchtig die Hand. An die Besuche im Künstlerpflegeheim werde ich mich nie gewöhnen können.