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Zu Gast bei Joan Holender E-Mail

joan_hollender_wr._staatsoper.jpegEs gibt Einladungen die man einfach nicht ausschlagen darf. Eine davon war ein privater Brunch bei Staatsoperndirektor Joan Holender, im sehr kleinen, persönlichen Rahmen natürlich. Aber was bringt man jemandem mit den man näher nur aus den Medien kennt und bisher höchstens ein- oder zweimal beruflich gegenüber saß.?

Diese Frage beschäftigte mich für unzählige Tage. Vergilbte, längst verschollen geglaubte Musiknoten aus einem Antiquariat? Lieber ein paar Flaschen guten Chianti, selbst aus der Toscana importiert? Oder hat so ein Mensch ohnehin nicht schon alles und man belässt es bei einem Strauß wunderschöner Blumen für die Frau Gemahlin? Ich entschied mich für den Chianti, von dem hat man nie genug, schon gar nicht in dieser Qualität.

"Grüß Gott, kommen Sie herein. Wie schön, dass es noch pünktliche Menschen gibt. Haben Sie gleich hergefunden?" Ich lächle nur und wüsste nicht, welche der Fragen ich zuerst beantworten sollte. Es wäre auch nicht nötig gewesen, denn Joan Holender schließt mit einer weiteren Frage an. "Haben Sie schon gelesen, dass diese unsägliche Frau vom Lugner neben uns eingezogen ist? Es bleibt einem auch wirklich nichts erspart. Wenn sie sich nicht hätte scheiden lassen, würde sie noch immer in der Villa von ihm wohnen und ich hätte die Möglichkeit auf vernünftigere Nachbarn gehabt. Aber bei Nachbarn ist es wie bei Familienmitgliedern, man hat sie und kann sie sich nicht aussuchen."

Die Unterhaltung wird einfach, denke ich mir, denn ich muss eigentlich nur zuhören und brauche überhaupt nichts zu sagen. Und ich fürchtete mich schon davor gefragt zu werden, wann ich zum letzten Mal in der Oper gewesen wäre und was ich dort sah. - Beides ist mir nicht mehr erinnerlich und daher müsste ich vermutlich improvisieren.

"Sagen Sie mein Lieber, wollen Sie noch etwas Champagner? Was haben Sie sich eigentlich das letzte Mal in der Oper angesehen?"

Also doch, ich lächelte und nickte, beides bezog sich auf einen weiteren Schluck Champagner und den Rest der Frage zog ich kurzerhand vor einfach zu ignorieren, denn selbige Frage wurde auch beinahe zeitgleich meiner Tischnachbarin gestellt und im Gegensatz zu mir, wusste sie, dass sie am 28. Oktober die Premiere von Pique Dame von Peter I. Tschaikowski sah, mit Seiji Ozawa als Dirigenten und Neil Shicoff in der Hauptrolle. Ich konnte zumindest anmerken, dass ich die Kritiken gelesen hatte und sie hervorragend waren.

Natürlich war auch der Opernball Gesprächsthema Nummer eins. Joan Holender betonte erneut wie unwichtig ihm der Ball war und, dass es wohl das einzige sein wird was von seinen vielen Jahren an der Wiener Staatsoper übrig bleiben würde, dass er Anna Netrebko als Kutscher, am Ball der Bälle, in die Oper fuhr. So sei es eben wenn man sich mit gehypten Stars einließe, man könne nur verlieren.

Der Brunch zog sich über den halben Nachmittag und als ich champagnertrunken mit meiner Begleitung zurück in die Stadt fuhr wusste ich, dass er so niemals hätte stattgefunden, wenn ich ihn nicht in satirischer Absicht soeben kreiert hätte.