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Ein Schweindl wie wir E-Mail

photocase_de_galle77_atemschutz.jpgVerlässt man die zuverlässige Anonymität der Großstadt Wien und fährt aufs Land, lässt man am geschicktesten seine Masken zu Hause und gibt sich wie man ist. Man wird ohnehin meist auf der Stelle von seinem Gegenüber dechiffriert, zugeordnet und entsprechend angesprochen. Also bin ich bemüht mich zu geben, wie ich nun mal bin. Zur Wahl steht der schnöselige Großstädter oder der ehemalige Kärntner.

Ehrlich oder witzig ehrlich ist man auch im südoststeirischen Trautmannsdorf. Man wird kurz vor dem Einstieg in die historisch anmutende Bimmelbahn, vom etwas abgehetzten Bürgermeister des wunderbaren Ortes noch rasch verabschiedet, nicht ohne vorher die Erklärung für seine auffallend braune Gesichtsfarbe zu erhalten. Herr Bürgermeister befand sich bis vor wenigen Stunden auf einem Segeltörn in Kroatien und kam gerade noch Recht um sich von uns zu verabschieden. Wie erfreulich und gut, dass hier täglich nur vier Züge verkehren, sonst hätte er viel zu tun. Nachdem wir kein potentiellen Wahlvolk sind, dürfen wir annehmen, dass Touristen ein ehrliches Anliegen Trautmannsdorfs sind.

Kurze Rückblende: Als wir in Trautmannsdorf ankamen, ging es aufgrund des Regens, schnurgerade in sportlichem Tempo den Berg hoch in den Ort und in ein Restaurant mit dem, wie uns bezeugt wurde, jüngsten Haubenkoch Österreichs. Und wenn man dem Gerücht glauben darf und man am körperlichen Volumen des Koches auf seine Küche schließen darf, muss die Küche des Hauses Rauch eine äußerst delikate sein. Wir landeten in der hauseigenen Fleischerei und verkosteten Würstchen und Schinken. Alles vom Schwein, von denen es über tausend Stück in Freilandhaltung gibt. Wir waren auf jedem Fall viel zu rasch angekommen und dieser Umstand hielt die Juniorchefin nicht zurück lauthals festzustellen, wir wären jetzt wirklich rasch gerannt, "genauso rasch wie unsere Schweindln". Was für ein Glück, dass wir anschließend nicht geschlachtet wurden und nach dem Einkauf ungeschoren wieder gehen durften.

In der Gruppe entstand eine Diskussion über Umweltschutz und den Leder verarbeitenden Betrieb in einem der angrenzenden Orte, der 5.000 Arbeitnehmern ein sicheres Einkommen beschert. In den Medien wurde besagter Betrieb kürzlich bekannt, weil er seine Abwässer in minderer Qualität über die Raab nach Ungarn ableitet. Mein Diskussionsbeitrag sah eine Würdigung beider Seiten vor, nämlich auch die des Umweltschutzes, mit einem kräftigen Wink nach China, wo man vor lauter Smog in Peking kaum mehr Luft bekommt. Offensichtlich durchschlug ich damit einem in der Gruppe anwesenden Eisenbahner der ÖBB den Geduldsfaden und er sprang mir, selbstverständlich nur sinnbildlich gesehen, unmittelbar an die Gurgel und meinte tatsächlich, solange die Chinesen und Nordamerikaner keine Beiträge zum Umweltschutz beitragen würden, müsse diesbezüglich hier in Europa auch nichts mehr getan werden. Denn Europa wäre schließlich keine Insel. Hm ... die cholerische Vehemenz des Herrn war erschreckend unmittelbar und es schien für Sekunden so als würde er mir, wie bereits erwähnt, an den Hals springen wollen um mir so zu zeigen, dass ich selbst in Trautmannsdorf nicht mehr in der Lage wäre, frische Luft zu atmen. Ein äußerst liebenswürdiger Gärtner kam mir mit einem wunderbaren Beispiel über eine Firma und deren vorbildliche Umweltschutzmaßnahmen zu Hilfe und rettete heldenhaft unser Lager. Die ÖBB schnaubte nur noch einmal kurz durch, um in dieser Diskussion vollends zu verstummen.

Wie sagte schon Omi: "Wenn man eine Reise macht, hat was zu erzählen."