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Der Paradiesvogel E-Mail

photocase_de_time2share_4bzeqpfe2.jpg"Tritt näher mein Kind. Zeige keine Scheu und tritt näher. Ich habe noch nie gezwickt oder gezwackt. Auch wenn ich es gerne getan hätte und so manch ein Dummglotzer hätte es verdient. Nun mach schon, tritt endlich näher oder wie lange soll ich denn noch warten? Ich bin es nicht gewöhnt so lange ruhig zu stehen. Nur so lange du mich so anglotzt, kann ich nicht weiter, das ist das kleine Geheimnis, das uns von nun an verbindet. Du glotzt und ich erstarre zur Salzsäule - nur sprechen, das geht wohl immer."

Der große bunte Vogel visiert mich schon die längste Zeit an und ja, er spricht. Natürlich, wie eben alle großen bunten Vögel mit einem sprechen. Selbst die Papageien tun es. Was war wohl in dem Pudding von vorhin? Doch wohl nur Pudding? Oder hat die Fabrik von Dr. Friese wieder einmal Illusionspulver unter den Pudding gemischt? Das machen sie immer wenn es in unserem Land langweilig wird. Dann kommt staatlich gestütztes Illusionspulver in den Pudding und alle sind wieder lustig und kaufen noch mehr Pudding. Nur ich sehe große bunte Vögel die sich mit mir unterhalten.

"Ich sagte doch schon tausende Male zu dir du sollst endlich näher treten!"

Der große bunte Vogel scheint bereits ungeduldig zu werden. Ich renne in die Küche, hole ein kleines Stück Brot, renne zurück zum Vogel und bleibe ganz knapp vor ihm stehen. Dann strecke ich meine rechte Hand freundlich lächelnd aus und biete ihm das Stück Brot mit einer verbindlichen Geste an.

"Was soll das? Bin ich eine Ziege?"

Der Vogel mustert mich spöttisch und kickt mir das Stück Brot mit seinem langen Schnabel aus der halb geöffneten Hand.

"Tut mir leid, ich wusste nicht, dass du dir nichts aus Brot machst. Wäre allerfeinstes Bio-Dinkelbrot. In meiner Fantasie liebst du Brot. Tust du aber offensichtlich nicht." Ich war verdattert, denn der Vogel wusste ja wirklich ganz genau was er wollte und ich setze nach. "Aber wenn du Interesse an meinem Kühlschrank hast, bitte er steht in der Küche und du darfst dir heraus nehmen was du möchtest. Nur der vegetarische Aufstrich, der gehört nicht mir, den musst du unangetastet lassen."

Der Vogel grinst schon wieder. Es passiert mir zum ersten Mal, dass mich ein Vogel sooo angrinst. Merkbar angrinst, beinahe etwas irre. Er stolziert langsamen Schrittes zum Kühlschrank, öffnet ihn geschickt mit seinem Schnabel und blickt sich noch einmal nach mir um.

"Gib mir ein paar Minuten und störe mich ja nicht." plärrt er bestimmt in meine Richtung und verschwindet im Kühlschrank, schließt die Tür und eine Zeit lang höre ich ein heftiges Rumoren. Dann ist es Mucksmäuschen still. Ich zähle langsam von 1 bis 60 und öffne ganz vorsichtig die Kühlschranktüre. Das war es dann wohl. Der Kühlschrank war leer,  alles aufgegessen, inklusive des vegetarischen Aufstrichs und der Vogel war auch weg.

Und wenn du mich jetzt frägst ob ich nicht geträumt habe, ich könnte es nicht sagen. Mein Bauch fühlt sich nur so merkwürdig prall an. Aber der Vogel war gewiss da.