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Großmütterliche Erinnerungen E-Mail

photocase_de_boing_5yx9mxvm2.jpgHat man als Enkel eine Lieblingsgroßmutter, auch liebevoll Omi genannt, dann begleiten einem die zahlreichen Erinnerungen, Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten ein Leben lang. Es vergeht kaum ein Tag an dem nicht doch eine Kleinigkeit passiert in der ganz viel der Erinnerung an die geliebte Großmutter steckt.

Der gekaufte Radicchio ist gewaschen, fein geschnitten, mit Bio-Apfelbalsamico-Essig, Olivenöl, etwas Kräutersalz mariniert, selbst in einer Schüssel Radicchio-Salat steckt ganz viel der längst verblichenen Großmutter, denn sie mochte ihn und vervollständigte den Salat zusätzlich mit kleinen Apfelstückchen. Wird im Supermarkt Reis gekauft, dann meist ausschließlich ungeschälter Naturreis. Omi sitzt mir beim Einkauf auf der Schulter, lächelt weise vor sich hin und schnurrt angeregt, dass genau dieser Reis der beste sei, denn nur dieser enthalte noch Nährstoffe, während der industrielle, weiß polierte Reis ein wertloser Mist sei. - Ich nicke geduldig und wandere an den Regalen weiter und greife beidhändig zu den Bio-Vollwertnudeln die sie mir gerade ebenso wärmstens empfielt.

Hätte meine Großmutter jemals meinen Vollwertbäcker kennen gelernt, sie hätte eine wahre Freude mit ihm gehabt. Bei Bäcker Dieter gibt es kein weißes Industriemehl, in seinen Bäckereien steckt kurz vor dem Backvorgang selbst gemahlenes Biovollwertmehl. Selbst die Faschingskrapfen sind vollwertig und statt dem obligaten Staubzucker oben drauf, gibt es Reismehl, denn optisch soll der Krapfen ja doch einem solchen gleich schauen. Die Faschingskrapfen gibt es auch nur zur Hardcore-Faschingszeit, nicht davor und schon gar nicht danach. Sie hätte seine Topfengolatschen geliebt, seine Himbeertascherln und das Dinkelbrot sowieso.

Wir hätten uns bei Dieter Biovollwert-Süßes gekauft und wären damit wie ich es öfter mache, vis a vis zu Armin ins Café Kandinsky gegangen um es dort, begleitet von einem wunderbaren Kaffee, zu verspeisen. Dazu hätten wir uns über Gott und die Welt, Gott und meine Schwester, Gott und alle Leute die uns gerade beschäftigten, unterhalten. Mit Omi ließ es sich gut schwätzen, das tat sie gern und so ergänzten wir uns prima.

Eine Lieblingsgroßmutter bleibt einem für immer in Erinnerung. Selbst das einsame Rülpsen, das dann, nach einem üppigen Mahl umso lauter von sich gepresst, wird von Erinnerungen an die geliebte Großmutter begleitet. Als sie längst von der zum Verstummen führenden Altersdemenz annektiert war und nach jedem Mittagessen, das sie mit fremder Hilfe einnahm, noch ein Stückchen mehr in sich zurück ging, um dann angestrengt nach vorne zu blicken und die Luft die sich mit den Speisen im Magen angesammelt hat gut vernehmbar, durch den halb geöffneten Mund von sich zu geben.

Sehe ich heute Lavendel, dann verbinde ich diesen in der Minute mit dem üppigen Lavendelstock meiner Großmutter, den wir alle liebten. Er stand in ihrem Garten in dem ich als Kind von ihr die Grundbegriffe der hohen Gärtnerei erlernte. Später fiel der Garten der Spitzhacke zum Opfer und auf ihm wurde gebaut. So nach und nach veränderte sich ihr so solide erscheinendes Leben. Der Garten wurde verbaut, das Sägewerk vis a vis sperrte zu, die Wirte im Ort sperrten ebenso zu, dafür wurden andere Gaststätten reaktiviert. Ihre Wohnung wurde aufgelassen, weil sie in ein Pflegeheim musste. Das Pflegeheim hat sie verlassen, weil sie starb und an ihren letzten Verwahrungsort, zur Feistritzer Kirche verbracht wurde. Dort befindet sich heute ihr Urnengrab und heute sieht es genau so aus, als wäre es ein Stückchen ihres Gartens. Ein bisschen verwildert und doch liebevoll betreut.